Einst ein Schlachtfeld - heute ein "Deutsch-Französisches Historial"  (Foto: AAA-IllProd)

Vom Schlachtfeld zum Deutsch-Französischen Historial

Gemeinsames Gedenken am Hartmannswillerkopf im südlichen Elsass

Jochen Marmit   08.06.2019 | 15:12 Uhr

Der Bergkamm des Hartmannsweilerkopfes/Vieil Armand überragt die Elsassebene. Wer diesen Berg im Süden der Vogesen in Besitz hat, kontrolliert die Pforte nach Frankreich. Und so kämpften im Ersten Weltkrieg Deutsche und Franzosen erbittert um den Felsen.



30.000 Tote, keine Sieger. Hundert Jahre nach Kriegsende ist der Hartmannsweilerkopf nun zu einem Deutsch-Französischen Gedenkplatz geworden: das Historial des Ersten Weltkrieges Hartmannswillerkopf ist entstanden.

Einst ein Schlachtfeld - heute ein "Deutsch-Französisches Historial"  (Foto: Karim Chergui)
Eine Reliefkonstruktion vom Hartmannswillerkopf

956 Meter hoch ist der Gipfel des Hartmannsweilerkopfs, der auf Französisch Vieil Armand heißt. Als strategischer Ort im Ersten Weltkrieg toben zwischen Dezember 1914 und Januar 1916 erbitterte Kämpfe hier oben.

Umkämpfter Ort - gemeinsames Gedenken

Tausende Tote und ein erbarmungsloser Kampf über Jahre geben dem Berg den Beinamen Mangeuse d‘hommes, Menschenfresser.

Hier einen nationalen Gedenkort zu schaffen, war das Anliegen der Franzosen direkt nach dem Krieg, vollendet wurde dieser Gedanke nun mit dem Historial, 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 2018.

Einst ein Schlachtfeld - heute ein "Deutsch-Französisches Historial"  (Foto: AAA-IllProd)
Das moderne Ausstellungsgebäude des "Deutsch-Französischen Historials".

Wer von der Rheinseite auf den Berg fährt, kommt noch vor der nationalen Gedenkstätte ans Historial rechts der Straße. 720 Quadratmeter umbauter Raum, ein mandelförmiges Gebäude auf einem Betonsockel, der federleicht über dem abfallenden Hang zu stehen scheint. Das Gebäude ist angenehm, friedlich, ruhig, einladend.

Historial – Das Gebäude

Eine diskrete Form, die mit der bewaldeten Umgebung eins wird. Durch eine Glastür hindurch geht es in den Vorraum: Kasse, Boutique, ein kleines Café. Die Innenwände sind meist in Weiß gehalten, darüber das ansteigende Dach aus feinen, schlanken Hölzern gefertigt. Sie sind typisch für die waldreiche Gegend rund um dem Hartmannsweilerkopf.

Einst ein Schlachtfeld - heute ein "Deutsch-Französisches Historial" (Foto: AAA-IllProd)
Heute Seit' an Seit': Uniformen aus dem ersten Weltkrieg.

Die Dachkonstruktion wölbt sich über den Besuchern wie der Bauch eines hölzernen Schiffes oder wie die feinen Äderchen eines Blattes. Darunter die vier verschiedenen Ausstellungsbereiche.

Mehr als ein Museum – Die Ausstellung

Wir beginnen in einem kleinen Kinoraum mit dem einführenden Film, der die Welt von 1914 zeigt und wie sie in den Krieg gezogen ist. Natürlich auf Französisch und Deutsch, wie die gesamte Ausstellung. Die besondere politische Situation von Elsass-Lothringen wird hier nochmals klar: 1914 gehört es zum Deutschen Reich, annektiert seit 1871.

Einst ein Schlachtfeld - heute ein "Deutsch-Französisches Historial"  (Foto: Karim Chergui)
"Leben und Sterben auf dem Harmannswillerkopf".

Im zweiten Bereich, der einen geografischen Überblick gibt, wird die Sonderlage der Region mit Beginn des Krieges nachvollziehbar: quer über die Vogesengipfel verläuft die Frontlinie zwischen deutschen und französischen Truppen. Und die graben sich ab 1915 ein – davon erzählt der dritte Bereich.

Stellungskrieg – Winter wie Sommer – am Hartmannsweilerkopf. Und das ist der Bereich Le­ben und Sterben. Uniformen und Ausrüstung werden erklärt, aber auch die damals modernen Techniken im Gebirge, wie die Seilbahn, die von den Deutschen aus dem nahen Guebviller bis unterhalb des Gipfels gebaut wurde.

Einst ein Schlachtfeld - heute ein "Deutsch-Französisches Historial" (Foto: AAA-IllProd)
Nur ein paar der unzähligen Geschosse.

Diorama-Filme: Als wäre man mittendrin

Natürlich gibt es viele persönliche Zeugnisse der damaligen Soldaten zu lesen, zu hören und zu sehen. Daneben: ein archäologisch erschlossener Schützengraben. Auch ein wissenschaftlicher Ansatz, denn die Erforschung und Dokumentation der Anlagen erzählt viel von den damaligen Vorgängen und Denkweisen. Immer Teil des Rundgangs: der Blick aus der Glasfront zur Rheinebene hin gerichtet.

Den sollte man auch nutzen, bevor es in den Tambour geht, einen geschlossenen, zylindrischen Raum. Hier werden mittels 360-Grad-Darstellungen eindrückliche Geschichten von Soldaten selbst erzählt, und es gibt akustische wie figurative Animationen.

Einst ein Schlachtfeld - heute ein "Deutsch-Französisches Historial" (Foto: AAA-IllProd)
Einst ein Schlachtfeld - heute ein "Deutsch-Französisches Historial"

Von der Konfrontation zur Kooperation

Besonders im vierten und letzten Abschnitt der Ausstellung wird klar, dass es sich hier nicht nur um die Schilderung der Kämpfe aus musealer Sicht handelt. Vielmehr geht es darum zu zeigen, wie aus der Konfrontation die Kooperation gewachsen ist, dass gemeinsame Gedenkkultur lange keine Selbstverständlichkeit war.

Erinnerungskultur aus den verschiedenen Perspektiven wird dargestellt und wie sich diese Blickwinkel nach 100 Jahren verändert haben. Insgesamt ist der Clou dieses Gebäudes und der Ausstellung ein einfacher und doch einzigartiger: Das Leid, der Kampf, der Verlust, das Leben und Sterben aller Beteiligten stehen für den Hartmannsweilerkopf, den Vieil Armand.

Einst ein Schlachtfeld - heute ein "Deutsch-Französisches Historial" (Foto: AAA-IllProd)
Viele junge Leute kommen, um sich zu informieren.

Schlachtfeld und Nécropole Nationale

Zuerst das Historial, dann der Rundgang über den Berg samt Schlachtfeld und nationaler Gedenkstätte – so ist der Besuch auf dem Hartmannsweilerkopf zu empfehlen. Denn die Informationen der Ausstellung im Gepäck, wird vieles auf dem Weg durch den Wald verständlicher und noch greifbarer.

Besonders die rechte Flanke des Berges ist geprägt vom Gewirr aus Laufgräben, Granatentrichtern, Betonbunkern und Felsgängen. Am besten nimmt man eine Karte im Historial mit, dann entgehen einem auch keine wichtigen Stationen.

Einst ein Schlachtfeld - heute ein "Deutsch-Französisches Historial"  (Foto: AAA-IllProd)
Das Ausstellungsgebäude aus der Vogelperspektive.

Und auch, wenn das Wetter hier oben mal wieder wolkenverhangen ist und leichten Regen bringt, gerade dann lohnt sich eine ausführliche, gut zweistündige Wanderung über den Bergrücken. Mit den Eindrücken aus dem Historial vor Augen: Infanterie und Jäger, Kavallerie, Feld- und Fußartillerie, Pioniere, Nachrichtentruppen, Kraftfahrtruppen, Sanitätskorps, Flugwaffe, Armierungstruppen.

Nur Tote. Keine Sieger.

Die deutschen Truppenteile halten den Berg bis Ende des Krieges 1918. Täglich wurde gekämpft – Sommer und Winter, im Regen, im Schnee, in der Hitze. Die Franzosen hatten Gebirgsjäger eingesetzt, Huskies zur Versorgung über die Route des Crêtes. Gewonnen hat niemand.

Der Weg vom Historial zum Schlachtfeld führt entlang der über 1.200 Steinkreuze des französischen Soldatenfriedhofs (Nécropole Nationale); oberhalb befindet sich das Nationaldenkmal (Monument National).

Alles ist frisch restauriert inklusive des Vaterlandsaltars – in vergoldeter Bronze leuchten die Wappen und Namen von den zwölf französischen Städten, die 1920 einen bedeutenden Beitrag zur Finanzierung des Denkmals geleistet haben. 1932 wurde die Anlage eröffnet. Darunter befindet sich die ebenfalls frisch restaurierte Krypta.

Audio

Tour de Kultur 2019: Gemeinsames Gedenken am Hartmannswillerkopf im südlichen Elsass
Audio [SR 3, Jochen Marmitt, 23.07.2019, Länge: 03:19 Min.]
Tour de Kultur 2019: Gemeinsames Gedenken am Hartmannswillerkopf im südlichen Elsass
Der Bergkamm des Hartmannsweilerkopfes/Vieil Armand überragt die Elsassebene. Wer diesen Berg im Süden der Vogesen in Besitz hat, kontrolliert die Pforte nach Frankreich. Und so kämpften im Ersten Weltkrieg Deutsche und Franzosen erbittert um den Felsen.


Auf einen Blick


Kontakt
HWK Comité du Monument National de l’Hartmannwillerkopf
Maison du Tourisme
1, rue Camille Schlumberger
F-68008 Colmar
Tel.: (0033 3) 89 20 10 68
E-Mail: contact@memorial-hwk.eu
www.memorial-hwk.eu

Öffnungszeiten
Historial Franco-Allemand:
April - Mitte Nov., Mo. - Sa.: 9.30 - 17.00 Uhr (Juli/Aug. bis 18.00 Uhr), So./Feiertag: 10.00 - 18.00 Uhr (auch Juli/Aug.).

Eintritt
5,- €/Gruppenermäßigung/Kinder unter 10 Jahren haben freien Eintritt.
Führungen auf Anfrage möglich.

Anfahrt
Von Saarbrücken über A 4 und A 35 an Straßburg und Colmar vorbei bis Mulhouse, dort auf die A 36 Richtung Belfort, Abfahrt Cernay auf die N 66, weiter auf der D 83, Abfahrt Uffholz (dort vorbei am Deutschen Soldatenfriedhof) Richtung Grand Ballon und Vieil Armand/Hartmannsweilerkopf (ausgeschildert) – das ist die schnellste Route: circa 260 Kilometer.
Etwas längere und schönere Alter­native: bis hinter Colmar auf der A 35, dann Abfahrt 28 Richtung D 83 Herrlisheim-prés-Colmar und die D 83 bis Cernay/Uffholz.

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