Ein Ort im Nirgendwo, zwei Bahnhöfe. (Foto: Lisa Huth)

Bruch und Dalles

Der einstige deutsche Bahnhof von Avricourt ist gerettet

Lisa Huth   08.06.2019 | 15:12 Uhr

Kauft ein Mann aus Avricourt eine Zeitung im benachbarten Avricourt. Sagt der Zeitungshändler: "Und, kaufst du dir mal eine französische Zeitung?"



Tour de Kultur: Bruch und Dalles
Audio [SR 3, Lisa Huth, 02.07.2019, Länge: 03:13 Min.]
Tour de Kultur: Bruch und Dalles

Rätsel: Wo liegt Avricourt?
Lösung: Den Ort gibt es zweimal, genauer gesagt, dreimal. Ach, wenn das reichen würde. Das Kuddelmuddel ist noch viel größer.

Es fing an mit dem deutsch-französischen Krieg vor rund 150 Jahren. Den gewannen bekanntlich die Deutschen und machten Elsass und das Département Moselle zum Reichsland Elsass-Lothringen, was übrigens heute noch am Fries der Außenmauer des Reichstages in Berlin zu sehen ist.

Durch eine Staatengrenze getrennt

Ein Ort im Nirgendwo, zwei Bahnhöfe. (Foto: Lisa Huth)
Blick von der Brücke zwischen den beiden Avricourts auf den Bahnhof des Dörfchens in Meurthe-et-Moselle.

Das 800-Seelen-Örtchen Avricourt lag links und rechts der Départementsgrenzen von Moselle und Meurthe-et-Moselle. So was kam und kommt vor, auch im Saarland, sowohl an der Grenze zu Frankreich, als auch an der zu Rheinland-Pfalz. Die Deutschen zogen nun eine Staatengrenze. Und die zog sich genau entlang der Bahnstrecke. Der Bahnhof von Avricourt lag nun jenseits der Brücke auf französischer Seite.

Da es den Deutschen ohnehin gewaltig auf den Senkel ging, dass alle Bahnstrecken schnurstracks nach Paris führten, bauten sie parallel zu dieser Grenze eine Bahnstrecke nach der anderen. Unter anderem führte die eine nach Montmédy, die andere nach Straßburg.

Eisenbahnstrecken parallel zur Grenze

Ein Ort im Nirgendwo, zwei Bahnhöfe. (Foto: Lisa Huth)
Der herunter gekommene Eingang des einstigen Prachtbahnhofs von "Nouvel Avricourt" in Moselle.

Die Franzosen taten es ihnen nach, und so entstand im lothringisch- (damals noch nicht) saarländisch-rheinland-pfälzisch-luxemburgischen Gebiet das dichteste Eisenbahnnetz der der Welt. Zum Bedauern Vieler heute zum größten Teil aufgelassen oder ungenutzt.

Da Avricourt ein Knotenpunkt an der Grenze war, musste ein Bahnhof her. Um den Franzosen mal zu zeigen, was ein Bahnhof ist, bauten die Deutschen in Avricourt ein gewaltiges Kaiser-Wilhelm-Gebäude, fast so groß wie der Bahnhof in Metz.

Ein Ort im Nirgendwo, zwei Bahnhöfe. (Foto: Lisa Huth)
Wie mit dem Lineal gezogen: Alles musste parallel und im rechten Winkel zum neuen Bahnhof gebaut werden.

Diesem Gebäude folgte eine ganze Siedlung im selben neoromanischen Stil, streng rechtwinklig im Verhältnis zum Bahnhof angeordnet. Zwei quer stehende Gebäude gegenüber dem Bahnhof flankieren eine Straße, einst war es mal eine Allee, die zur Kirche hoch führte.

Siedlung für preußische Eisenbahner

In diesen Häusern lebten die preußischen Bahnbeamten mit ihren Familien. Preußisch bedeutete protestantisch, was im katholischen „Moselle“ den Bau einer evangelischen Kirche notwendig gemacht hatte. Dieses neoromanisch-neogotische Bauwerk auf dem Hügel überragt den Bahnhof und natürlich die katholischen Kirchlein in den Dörfern ringsherum. Diese Siedlung am Bahnhof nannte sich „Nouvel Avricourt“.

Ein Ort im Nirgendwo, zwei Bahnhöfe. (Foto: Lisa Huth)
Nach der Brücke hinter Avricourt (54) geht's runter - nach Avricourt (57).

Beides zusammen, den mosellanischen Teil von Avricourt und Nouvel Avricourt, taufte Preußen „Deutsch-Avricourt“.

Und dann ging's zu Fuß über die Grenze

Die Bahngleise zwischen den beiden Avricourts unterschieden sich natürlich. Auch die Signalisation. So kam es, dass etwa die Reisenden des Orient-Express in Deutsch-Avricourt aussteigen und die Zollformalitäten über sich ergehen lassen mussten, zu Fuß auf die andere Seite der Grenze gingen und dort wieder in den Zug stiegen, dessen Lok inzwischen gewechselt worden war.

Ein Ort im Nirgendwo, zwei Bahnhöfe. (Foto: Lisa Huth)
Fassade des Bahnhofs von Avricourt in Meurthe-et-Moselle (54).

Als Deutsch-Avricourt dann wieder Französisch wurde, blieb das Dorf weiterhin geteilt. Es hat zwei Bürgermeister, zwei Poststellen und zwei Bahnhöfe. Die preußischen Häuser in Nouvel-Avricourt gehörten mittlerweile der französischen Bahn SNCF, später konnten Privatleute sie kaufen.

Bald ein Hochzeitssaal

Um einheitliche Architektur waren sie nicht sonderlich bemüht, so dass Details wie schmiedeeiserne Blenden an den Fenstern nur hier und da noch zu finden sind. Das ein oder andere Haus ist denn auch mal mit Eternitplatten gegen Wetterkapriolen gesichert.

Ein Ort im Nirgendwo, zwei Bahnhöfe. (Foto: Lisa Huth)
Postkarte: So sah die Straße gegenüber dem Bahnhof einst aus.

Der neoromanische Bahnhof selbst wurde 1969 aufgelassen. Zwischenzeitlich wurden dort mal Restaurantgäste mit Speisen der Region verwöhnt, seit Jahren aber stand das Gebäude leer und zerfiel zusehends. Einer der beiden Flügel ist längst abgerissen. Jetzt ist ein Investor gefunden, der aus den übrig gebliebenen monumentalen Gebäudeteilen einen Hochzeitssaal machen möchte.

Heute immer noch getrennt

Wer heute einen der beiden Orte im Internet sucht, tut gut daran, zum Namen noch die Zahl des Départements hinzuzufügen. So machen es die Bewohner auch: Auf dem Blutspendeplakat von Avricourt steht diesseits der Brücke: „Donnez votre sang à Avricourt 57“ und jenseits „… à Avricourt 54“.

Ein Ort im Nirgendwo, zwei Bahnhöfe. (Foto: Lisa Huth)
Ortsschild Avricourt Meurthe-et-Moselle, also: 54.

Die Rivalität zwischen den beiden Avricourts ist offiziell zwar längst vorbei, besteht aber in kleinen Sticheleien noch fort. So war der zweite Stellvertreter des Bürgermeisters von Avricourt (Moselle, wie gesagt seit vielen Jahrzehnten wieder Französisch) ein Fan des AS Nancy.

Da die beiden Avricourts in zwei verschiedenen Départements liegen, werden ihnen auch die jeweiligen Zeitungen geliefert. In Avricourt Moselle gibt es den Républicain Lorrain. Um Ausführlicheres über seinen Verein zu erfahren, ging der dritte Bürgermeister immer über die Brücke, um in Avricourt (Meurthe-et-Moselle) den dortigen Est Républicain zu erstehen. Woraufhin ihn der dortige Zeitungshändler ganz gerne fragte …

Ein Ort im Nirgendwo, zwei Bahnhöfe. (Foto: Lisa Huth)
Avricourt: Gedenken an "mutigen Schleuser", die geflohene Kriegsgefangene nach Frankreich brachten.


Auf einen Blick


Kontakt
Mairie von Avricourt
111, rue de la Chapelle
F-57810 Avricourt
Tel.: (0033 3) 87 24 60 33
E-Mail: mairie-avricourt@wanadoo.fr
www.avricourt57.fr

Öffnungszeiten
Ist jederzeit von außen zu besichtigen.

Eintritt
Der Eintritt ist frei.

Anfahrt
Ab Saarbrücken auf die Autobahn Richtung Straßburg, bei Phalsbourg auf die N 4, an Sarrebourg vorbei, bei Héming auf die D 89, dieser folgen bis Avricourt.

Tipp
In Avricourt gibt es kein Restaurant, aber im fünf Kilometer entfernten Maizières-lès-Vic: „La Table du Saulnois“. Leckere französische Küche. Reservieren ist nicht notwendig.

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