Mit dem Gummizug in die Vergangenheit

  08.06.2011 | 10:35 Uhr

Über 45 Jahre hat Robert Frauli gebastelt: an Dampflokomotiven, detailgetreu in unterschiedlichen Maßstäben. Seine einzigartige Sammlung hat er im nordelsässischen Obermodern ausgestellt und eine ganz eigene Welt aus Stahl, Blech und Dampf aufgebaut.

Mit dem Gummizug in die Vergangenheit

Das Eisenbahnmuseum von Obermodern

Ein Beitrag von Jochen Marmit

Über 45 Jahre hat Robert Frauli gebastelt: an Dampflokomotiven, detailgetreu in unterschiedlichen Maßstäben. Seine einzigartige Sammlung hat er im nordelsässischen Obermodern ausgestellt und eine ganz eigene Welt aus Stahl, Blech und Dampf aufgebaut.

Vom Bahnhof in Obermodern sind es gerade mal zehn Minuten Fußweg – natürlich parallel zu den Schienen. Dann stehe ich vor dem Neubau der Schule. Im Untergeschoss liegt das ELAV – Espace de la Lokomotive Vapeurs – das Dampflokmuseum des Robert Frauli und seiner freiwilligen Helfer. Eröffnet wurde es 2007. Nachdem die Stadt Saargemünd keinen Raum dafür fand, entschloss sich der Bürgermeister von Obermodern, die einzigartige Sammlung im Ort zu lassen. Eine kluge Entscheidung.

141R-Querschnitt auf Elsässisch
Es gibt zwei Räume. Im ersten beginnt auch die Führung von Robert Frauli. An der Wand hängt der Querschnitt einer Dampflok – einer 141R. Originalgetreu in genaueins zu fünfzig. Frauli erläutert mir und einer Gruppe pensionierter Lokführer aus dem Elsass, wie eine Dampflok funktioniert.

Bei diesem Modell handelt es sich um die letzte 141R, die in Frankreich gefahren ist: 1974, auf der Strecke von Straßburg via Obermodern nach Saargmünd. Die meisten der Dampfloks wurden danach verschrottet. Ich sehe, wo die Kohle vom Kohlewagen, dem Tender, ins Feuer transportiert wurde, wie sich das Wasser erhitzt und Dampf und Rauch entstehen. Wie das Ganze reguliert werden konnte, dass es im Bauch der Lok über 400 Grad heiß wurde und dass damit dann Pumpen und Kolben angetrieben wurden.

Nicht zuletzt erkenne ich, dass Schornstein und Auspuff das Gleiche sind. Die Zahl 141R übrigens bedeutet: ein kleines Vorderrad, vier große Haupträder, ein kleines Hinterrad. Und diese Zahlen gelten bei allen Dampflokbezeichnungen. Das verstehe ich sogar auf elsässisch.

Bremser und die Kunst des Signalisierens
Allerhand Werkzeug, Plakate und Memorabilia aus der Epoche der Dampfloks gibt es im ersten Raum noch zu sehen. Auch das erstaunliche Plakat aus dem Jahr 1890. Damals fuhren die Bremser noch auf dem Dach der Waggons mit.

Die Aufnahme zeigt Männer, die in Decken gehüllt im Winter auf dem Dach eines jeden Waggons saßen und je nach Bedarf diesen abbremsen konnten. Was für ein Job! Besser, wenn auch komplizierter, hatten es da die Bahnhofsarbeiter, die sich um die Signalanlage kümmerten. Ein Original mit zwölf Hebeln, Drähten, Schildern, Knöpfen führt Robert Frauli vor. Heute läuft das alles elektronisch. Aber zwischen 1900 und 1995 wurden per Hand die Signale zwischen Saargemünd und Straßburg geregelt – ebenso die Weichen. Wie genau wer wann was geschaltet hat, bleibt mir aber ein Rätsel.

45 Jahre Lok an Lok
Endlich geht es in den Hauptraum – zehn Meter tief und zwanzig Meter lang. Hier stehen sie wohlgeordnet: 40 Dampflokomotiven von 1873 bis 1974. Amerikanische, australische, kanadische, preußische und vor allem französische Modelle in originalgetreuem Nachbau in unterschiedlichen Größen. Alle sind sie poliert, schön in Szene gesetzt, einige fahren sogar auf Schienen, andere wiederum sind Teil einer Bahnlandschaft mit Bahnhof, Drehscheibe, Werkstatt.

Das ist die Welt des Robert Frauli. 45 Jahre hat der Banker aus Obermodern in seiner Werkstatt Loks gebaut. Eine Leidenschaft, die, wie er sagt, aus seiner Freude am Bauen kam. Er wollte keine Sammlung herstellen – er wollte einfach seine so sehr geliebten Loks bauen. 40 sind es geworden. Robert Frauli ist heute 83 Jahre alt und weiß, dass, nachdem das Museum jetzt gebaut ist, auch keine weiteren mehr dazukommen werden. Aber durch das Museum führen und erklären – ob auf Elsässisch, Französisch oder Deutsch –, das macht er noch, so lange es geht.

Frau, Garten, Musik – und Loks
Zu Beginn der Runde durch die Dampfloks spielt Frauli ein Band ab, das auf Französisch seine Freizeitbeschäftigung erklärt. Er sagt:

Hallo, Robert Frauli redet hier. Wie hat der Mann wohl über 40 Lokomotiven bauen können? Nun, er hat die ganze Zeit in seiner Höhle gesessen und gebaut - ich erkläre Ihnen nun meine Freizeitmöglichkeiten. Erstens danke ich Gott, der mir das Talent und die Gesundheit und Stärke gegeben hat, das alles zu bauen.

Zweitens hatte ich eine Frau, die es OK fand, dass ich einen großen Teil meiner Freizeit in mein Hobby investiert habe. Drittens: Ich hatte auch einen großen Garten, der mich immer beschäftigt hat. Viertens: Ich habe Piano und Orgel gespielt, und fünftens habe ich 25 Jahre lang einen Chor geleitet im Nachbarort. Außerdem habe ich nie während der Nacht noch am Sonntag gearbeitet. Angefangen hat alles mit meinem Wunsch in den 60ern, dass ich mit einem Chefmechaniker auf den großen Loks mitfahren durfte bei der SNCF.

Erst hat er alle noch fahrenden Dampfloks in Frankreich selbst erlebt, dann hat er angefangen zu bauen. Aus Blech, Stahl, Messing, Kunststoff, Kupfer und was eben an so einer Dampflok noch so alles dran sein muss. Teil für Teil hat er selbst hergestellt und im Maßstab dann zusammengebaut. Lackiert und fahrtüchtig gemacht – einige sogar unter Dampf mit Innenleben.

Ein Tonne, zwei Kessel und eine Uhr mit Kamin
230B heißt der größte Nachbau – ein Tonne schwer, fünf Jahre Bauzeit, Maßstab 1 zu 5, ist die größte. Eine Maschine der französischen Ostbahn. Innen drin: 40 Rohre, Bläser, Auspuff – läuft mit 2,5 Kilo Kesseldruck. Ins Museum ist dieses Prachtstück mit einem Hebekran und einer Lore gekommen.

Nicht weniger beeindruckend ist das Dampflokführerhaus in einer Ecke des Raumes. Hier kann jeder Lokführer spielen: Bremsen, Pfeifen, Feuern und die Strecke im Auge behalten. Ich lerne: Lokführer im Elsass saßen rechts, in Frankreich links. Über dem Ganzen hängt schließlich noch eine ganz besondere Uhr. Sie ist grün und dick und rund, weißes Ziffernblatt mit großen schwarzen Zeigern. Eben eine typische Bahnhofsuhr der Bahngesellschaft Elsass-Lothringen von 1900. Der Clou: Am Abend stellte man eine Laterne in die Uhr, so war sie von innen beleuchtet. Und damit der Rauch der Laternen abziehen konnte, hat die Uhr oben drauf einen kleinen Kamin.

Amerika und der Gummizug
Zum Abschluss nimmt mich Robert Frauli noch mit zu einem Regal. Dort stehen Modelle, die mir am besten, ihm aber überhaupt nicht gefallen. Es sind die gigantischen amerikanischen Maschinen, so von der Virginia Railway. Drei mal vier Zylinder Maschinen aus dem Jahr 1916. Oder die Turbinen Lok der Pennsylvania Railway mit 6.900 PS. Sie konnte 190 Kilometer in der Stunde fahren.

Diese Loks aus den 1940ern sind pechschwarz, sehr stromlinienförmig und haben das Räderwerk komplett verhüllt durch schwarze Bleche. Sie waren so lang, dass sie auf keine Drehscheibe passten und sowohl vorne als auch hinten ein Führerhaus hatten, um eben umgekehrt fahren zu können. Robert Frauli gesteht mir, dass er das Räderwerk sehen muss, alles andere findet er hässlich. Ich fühle mich eher an Lokomotiven aus Draculafilmen erinnert, die durch die rumänische Nacht Transsilvaniens rauschen.

Vorbei an seiner Lieblings-Lok, der 241A aus den 1930ern, auf der er 1970 selbst noch mitgefahren ist, kommen wir zum Gummizug. Gezogen von einer 230K, die auf Dieselbetrieb umgerüstet worden war, rauschten in den 1950ern die Waggons auf Gummireifen durch die Nacht zwischen Paris und Straßburg. Aufgepumpte Reifen von Michelin, 20 pro Wagen. Natürlich hatten diese keine guten Laufeigenschaften, verbrauchten viel Energie. Dafür aber war nur das Geräusch der Lok zu hören – die Gummireifen dagegen kaum. Ein Experiment, das nach einigen Jahren aufgegeben worden ist.

Robert Fraulis Experiment dagegen ist gerade erst erblüht – seine Sammlung ist sein Vermächtnis. Und selbst für Menschen, die eigentlich Eisenbahnen und Nachbauten langweilig finden – in Obermodern gibt es etwas zu sehen, das kein kommerzieller Anbieter im Programm hat. Persönlich, erstaunlich, lehrreich.

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