Bischöfe und ein verhafteter Bürgermeister

  18.06.2007 | 15:25 Uhr

Die Collégiale Saint-Etienne erzählt von Hombourg-Hauts ruhmreicher Vergangenheit: "Unsere Kirche ist die schönste, weil sie die größte ist", sagen die Humericher stolz. Warum die Kirche so imposant gebaut wurde, wissen allerdings nicht alle.

Bischöfe, Musketenfeuer und ein verhafteter Bürgermeister

Die Collégiale Saint-Etienne erzählt von Hombourg-Hauts ruhmreicher Vergangenheit

"Unsere Kirche ist die schönste, weil sie die größte ist", sagen die Humericher stolz. Warum die Kirche so imposant gebaut wurde, wissen allerdings nicht alle.

Eine Frage stellen Besucher immer wieder, wenn Vincent Vion sie hinauf zur Stiftskirche von Hombourg-Haut führt: "Warum ist diese Kirche so groß?" Die Frage liegt auf der Hand. Schließlich hat Hombourg-Haut, die Kleinstadt inmitten des ehemaligen lothringischen Kohlebeckens, knapp 9500 Einwohner und die Altstadt nicht einmal 500. Die Front der Collégiale Saint-Etienne aber ist immerhin 20 Meter breit und vom Haupteingang bis zur Apsis rund 42 Meter lang. Beachtliche Ausmaße für eine Kirche, die im Mittelalter den Abschluss einer kleinen Stadt bildete. Zwar war das Städtchen politisch nicht ganz unbedeutend – es war immerhin das Haupt der Vogtei Homburg-St. Nabor. Doch sein Gotteshaus ist so beeindruckend, dass manche Einwohner es schmunzelnd als "Kathedrale" bezeichnen.

Vincent Vion beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte der Collégiale. Um zu erklären, wie sie zu ihrer Größe kam, muss der pensionierte Postbeamte weiter ausholen. Denn die Kirche, die hoch oben auf einem Felsvorsprung über dem Rosseltal thront und von fast allen Seiten der Stadt zu sehen ist, hat ihre Bedeutung als Teil eines imposanten Ensembles erlangt. Dessen Geschichte beginnt Mitte des 13. Jahrhunderts, nur wenige Jahre nach der Stadtgründung. Damals ließ der Metzer Bischof Jacques de Lorraine (1239-1260) auf dem zuvor unbesiedelten Hügel eine stattliche Burg errichten und sie von einer Feste mit Stadtmauer, dem heutigen Vieux-Hombourg, umgeben.

Erbaut um 1290

1254 gründete Jacques de Lorraine auch ein Stiftskapitel und ordnete den Bau einer Kirche für die 13 Kapitelherren an. Die Kirche weihte er dem Heiligen Stefan. Schätzungen gingen lange Zeit von einem Baubeginn um 1260 aus. Erst kürzlich fand Vincent Vion Steinmetzzeichen an den Sandsteinblöcken. Anhand der Namen der Handwerker konnte er den Baubeginn relativ genau ermitteln: 1290-1300. Die Arbeiten dauerten vermutlich bis Ende des 15. Jahrhunderts an. Als Schwesterkirche der Collégiale Saint-Etienne wird oft die Stiftskirche des Saarbrücker Stadtteils St. Arnual bezeichnet, die ebenfalls dem Bistum Metz unterstellt war.

Außen präsentiert sich die aus gelbem und rotem Sandstein erbaute Collégiale Saint-Etienne massig und gedrungen. Beim Eintreten ins Kirchenschiff wirkt sie dunkel. Ein Eindruck, der sich allmählich verliert, erläutert Vincent Vion, denn der Boden ist geneigt. Ein leichter, aber stetiger Anstieg und schließlich sechs Stufen leiten die Besucher zum Altar. Dort wirkt das Kircheninnere deutlich heller als beim Betreten der Kirche. Den Einwohnern von "Humerich", wie Hombourg-Haut im Dialekt heißt, blieb dieser Anblick allerdings verwehrt. Für den Gottesdienst stand ihnen nur ein Pfarreialtar im Querschiff zur Verfügung. Der umfangreiche Rest der Kirche war den Stiftsherren vorbehalten, die übrigens nicht im gegenüberliegenden Kloster, sondern in einzelnen Herrenhäusern am Fuße der Kirche lebten.

Entchristianisierung des Landes

Erst Jahrhunderte nach seiner Fertigstellung durfte das gemeine Volk das Gotteshaus als Ganzes in Besitz nehmen: 1743 wurde das Stiftskapitel aufgelöst. Den Geistlichen war daran gelegen, die Ära des bischöflichen Stifts möglichst rasch aus der Erinnerung der Einwohner zu tilgen. Hombourg-Haut bekam eine Pfarrei und einen Pfarrer, bis zur Französischen Revolution. Während der Entchristianisierung des Landes wurde die Kirche in Staatsbesitz überführt. Ein kurzes Zwischenspiel, denn 1801 schloss der neue Papst Pius VII. ein Konkordat mit Napoléon Bonaparte, um der Unterdrückung des Katholizismus im republikanischen Frankreich entgegenzusteuern. Als die Collégiale im darauf folgenden Jahr wieder in den Besitz der Gemeinde gelangte, dürften die Humericher überglücklich gewesen sein: "Sie sind natürlich sehr stolz auf ihre Kirche", bekräftigt Vincent Vion. "Es hieß immer: Unsere Kirche ist die schönste, weil sie die größte ist, verglichen mit denen der umliegenden Dörfer."

Warum sie das eindrucksvollste Gotteshaus im ganzen Umkreis hatten, wussten viele Humericher allerdings nicht. Selbst heute, ist Vincent Vion überzeugt, kennt längst nicht jeder Bürger die historische Bedeutung der Collégiale Saint-Etienne.

Kommunion und ein verhafteter Bürgermeister

Seine eigene Familie war immer eng mit der Kirche verbunden. Vions Ur-Urgroßmutter etwa sollte sich ihr Leben lang an den Tag ihrer Kommunion erinnern. Es war der 16. August 1870, kurz nach der verlorenen Schlacht von Spichern, und in Hombourg-Haut wurde gleichzeitig Kirmes gefeiert.

Während die Kommunionkinder und ihre Familien feierlich in der Stiftskirche versammelt waren, rannte ein Bürger hinein, stürmte zum Altar und rief: "Die Preußen sind da!" Prompt strömten sämtliche erwachsene Kirchenbesucher nach draußen, um die Ankunft der Preußen zu beobachten. Die Kommunionkinder ließen sie – trauriges Schicksal – allein in der Kirche zurück. Und es geschah noch mehr an jenem Tag: Weil Kirmes und Kommunion zusammenfielen, wurden die Glocken geläutet. Die einmarschierenden Preußen hielten dies für ein geheimes Signal: Sie glaubten, das Glockenspiel sollte die französische Armee von ihrem Einmarsch in die Stadt unterrichten – und verhafteten kurzerhand den Bürgermeister.

Auf die Geschichte vom festgenommenen Bürgermeister ist Vincent Vion in einem alten Tagebuch gestoßen. Beim Blättern in historischen Schriften fand er auch heraus, dass die Stiftskirche einmal nur knapp ihrer Zerstörung entging. 1632 war ein junger Humericher auf die Stadtmauer geklettert und hatte eine Muskete abgefeuert. Der Großbrand zerstörte das Dach und beschädigte das Gewölbe. Die Schäden wurden vermutlich erst Anfang des 18. Jahrhunderts beseitigt. Während des Dreißigjährigen Krieges, der bis 1648 andauerte, hatten die Humericher andere Sorgen, als ihre Kirche wieder in Ordnung zu bringen.

Der vielleicht älteste Teil der Kirche und noch gut erhalten ist die Nikolauskapelle, rechts vom Altar gelegen. Die Schlusssteine des Gewölbes schmücken Gesichter, darunter das einer Frau mit Turmfrisur und das eines langhaarigen Mannes.

Was zeigt die Sonnenuhr?

Wer der Kirchenmauer in Richtung Friedhof folgt, kann weitere Entdeckungen machen. An der Westseite der Fassade sind drei Sonnenuhren aus dem 15. und 16. Jahrhundert erhalten. Hinter den Einritzungen auf den Sandsteinblöcken der Kirchenfassade verbergen sich Wetzrillen: Die Steinmetze schärften ihrer Werkzeuge der Einfachheit halber gleich am Baumaterial. Zwei der Handwerker kamen, wie Vincent Vion anhand der Steinmetzzeichen unter den Kirchenfenstern herausgefunden hat, aus dem heutigen Saarland: Hans von Osteren, genannt "Nalterus", und ein "Meister Henigen" aus Eppelborn. Und dann gibt es da noch eine echte Rarität: Einen Grabstein, der den Todestag der Verstorbenen nach dem Revolutionskalender angibt. Catherine Neubecker, verschieden am 13. Germinal Jahr 13 – im kurzlebigen republikanischen Kalender entsprach dieses Datum dem 3. April 1805.

An den Friedhof schließt sich der Weg zur ebenfalls sehenswerten Katharinenkapelle aus dem 13. Jahrhundert an. Ritter Simon von Homburg, der Amtmann des Grafen von Saarbrücken auf der Burg, ließ sie sich einst als Hauskapelle errichten. Im Inneren sind Kopien der Original-Fliesen ausgestellt. Sie zeigen Drachen, Hirsche und florale Dekors.

Die Schutzpatrone der Notleidenden

Eine Besonderheit ist auch der Weg zur Kapelle: Er wird gesäumt von Statuen der 14 Nothelfer, einer Gruppe von Heiligen, die von Notleidenden als Schutzpatrone angerufen werden. Die ersten wurden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts am Rande des alten Wegs aufgestellt, der zur Kapelle führt. Während der Französischen Revolution umgestoßen und beschädigt, wurden die Nothelfer-Statuen im 19. Jahrhundert restauriert und zwischen der Stiftskirche und der Katharinenkapelle wieder aufgestellt. Ein Teil von ihnen steht – auch das bemerkenswert – auf Privatgrundstücken.

Im ehemaligen Bischofssitz von Homburg-Haut sind die Katharinenkapelle, das alte Stadttor und das ehemalige Kloster als Zeugen der ruhmreichen Vergangenheit von Hombourg-Haut erhalten geblieben. Das Symbol der Stadt aber bleibt die Collégiale Saint-Etienne, das Wahrzeichen des ehemaligen Bischofssitzes und Zeichen seiner Größe.

Ein Beitrag von Andrea Weber

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