Mechanische Instrumente im Museum Wilhelmsbau in Speyer (Foto: Karin Mayer)

Von Spieldosen und Musikautomaten

Mechanische Instrumente im Museum Wilhelmsbau in Speyer

Karin Mayer   25.07.2022 | 06:00 Uhr

Radio, Internet und Smartphone – für uns ist das alles überall verfügbar. Vor 100 Jahren war das unvorstellbar. Es gab in erster Linie Livemusik. Man konnte sich entweder ein Instrument kaufen und selber spielen oder Musiker engagieren. Das beflügelte Tüftler und Musikliebhaber, Instrumente zu entwickeln, die selbständig spielen können.

Das Museum Wilhelmsbau auf dem Gelände des Technik Museums sammelt Raritäten mechanischer Musik. Das können Instrumente, so groß wie Wandschränke sein oder kleine Spieldosen, die in einem Feuerzeug versteckt sind. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden kunstvolle Spieluhren und Flöteninstrumente. Es gab handbetriebene Drehorgeln, später selbständig spielende Klaviere, ja ganze Orchestrien, mit denen man sich die Musik nach Hause holen konnte.

Bis zu neun Musikstücke

Wer an einer Führung teilnimmt, kann viel erfahren von der Restauratorin Sina Hildebrandt, denn sie hat an diese mechanischen Instrumente ihr Herz verloren. „Ich kenne jedes Instrument mit Vor- und Zunamen“, sagt sie lachend. Sie kann Geschichten über die Musikautomaten erzählen, sie zum Klingen bringen und Hand anlegen, wenn eines der Schätzchen mal wieder Pflege braucht.

Mechanische Instrumente im Museum Wilhelmsbau in Speyer (Foto: Karin Mayer)

Am besten erzählen die Musikautomaten ihre Geschichte aber selbst. Deshalb greift die Restauratorin zu einer Drehkurbel und zieht damit ein Gewicht nach oben. So wird die Mechanik in Gang gesetzt und schon spielt das Orchester im Museumssaal. Der „Tonträger“ in diesem Fall: eine Stiftwalze, mit der die Tasten am Klavier angeschlagen werden. „Auf der Walze konnte man bis zu neun Musikstücke abspielen. Das war einfach verstellbar.“

Strom war nicht notwendig

Der Klang ist einzigartig, ein bisschen scheppernd vielleicht, aber raumfüllend laut. Da werden beispielsweise ein Klavier, mehrere Schlaginstrumente, ein Xylophon und mehrere Violinen gleichzeitig gespielt. Das ist der Firma Hupfeld im Jahr 1908 gelungen. In Gaststätten, in Tanzsalons oder bei reichen Leuten wurden die Orchestrien aufgestellt und haben zur Unterhaltung beigetragen. Sie wurden in kleiner Zahl hergestellt und waren nicht für jedermann erschwinglich. „Die Instrumente funktionieren rein mechanisch, ohne Strom“, betont Sina Hildebrandt.

Mechanische Instrumente im Museum Wilhelmsbau in Speyer (Foto: Karin Mayer)

„Das heißt: Wenn abends der Strom ausfällt, können wir immer noch Musik hören.“ Lästig für Musikliebhaber: Die Kurbel musste immer wieder gedreht werden. „Deshalb hat ein Wirt ein Loch in den  Fußboden geschnitten, damit das Antriebsgewicht bis in den Keller laufen konnte und die Musik länger lief“, berichtet die Restauratorin.

Ohne sie heute kein Spotify

Aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammen beispielsweise die Flötenuhren. Das sind große verzierte Wanduhren, die nach der vollen Stunde Musikstücke abspielen. Über dem Ziffernblatt drehen und tanzen kleine Figuren. Es gibt kunstvolle Spieldosen, die allerdings nicht für die Hosentasche geeignet sind.

Mechanische Instrumente im Museum Wilhelmsbau in Speyer (Foto: Karin Mayer)

Sie sind so groß wie Kommoden und werden ebenso wie die Orchestrien aufgezogen und mechanisch betrieben. Mit Federspannung, mit Druckluft oder Anfang des 20. Jahrhunderts mit Pneumatik. Die Musik wurde auf Stiftwalzen, später auf gelochten Platten oder Papierrollen abgespeichert. „Ohne diese ersten Tonabnehmer und Aufnahmetechnik hätten wir heute kein Spotify“, sagt Sina Hildebrandt überzeugt und nimmt uns mit zu den automatischen Klavieren.

Kinoorgel mit besonderen Effekten

Im braunen Salon setzt sich die Restauratorin hinter einen Flügel, stellt die Füße auf zwei Pedale und schon spielt die Musik. Der Flügel wurde dem Museum nach einem Fernsehbericht angeboten. Der Clou: Der frühere Besitzer hatte ihn für seine Mitarbeit an der Architektur des Wilhelmsbaus erhalten, und so war die Besitzerin gerne bereit, das Instrument an den Wilhelmsbau abzugeben.

Mechanische Instrumente im Museum Wilhelmsbau in Speyer (Foto: Karin Mayer)

Ein Highlight beim Besuch ist auch die Morton Kinoorgel. Zu Stummfilmzeiten haben Orgelspieler mit solchen Instrumenten den Film begleitet. „Deshalb wurden in den Orgeln ganz besondere Effekte eingebaut“, erklärt Sina Hildebrandt. Ob Tremolo, Paukenschlag oder Telefon – das passende Register kann der Organist ziehen.

Eine der größten Sammlungen Europas

Mehrere Räume füllen die Musikautomaten im Technik Museum Speyer inzwischen. Was zu Beginn nur einzelnen Besuchern gezeigt wurde, hat sich zu einer ganzen Abteilung und zu einer der größten Sammlungen mechanischer Musikinstrumente in Europa ausgewachsen. „Dem Museumsdirektor war aufgefallen, dass häufig die Männer alleine durchs Technikmuseum gingen. Die Frauen saßen dann in der Cafeteria. So entstand die Idee, ein zusätzliches Angebot aufzubauen“, erklärt Corinna Siegenthaler vom Technikmuseum.

Mechanische Instrumente im Museum Wilhelmsbau in Speyer (Foto: Karin Mayer)

Seither wächst die Sammlung mechanischer Musikinstrumente und ein Besuch im Museum lohnt sich. Wirklich hören und verstehen kann man die mechanischen Wunderwerke aber nur bei einer Führung oder bei einem Konzert. Dazu lädt das Museum normalerweise in der Weihnachtszeit ein. Führungen zu den Musikautomaten gibt’s das ganze Jahr über auf Anfrage.


Auf einen Blick


Kontakt
Museum Wilhelmsbau im Technikmuseum Speyer
Am Technikmuseum 1
67346 Speyer
Tel.: (06232) 67 080
www.speyer.technik-museum.de

Öffnungszeiten
Ganzjährig geöffnet
von 11.00 – 18.00 Uhr
24. 12. und 31. 12., 11.00 – 15.00 Uhr

Preise
Technikmuseum Speyer:
Erwachsene: 24 Euro
Kinder ab 4 Jahren: 19 Euro
Kinder unter 4 Jahren haben freien Eintritt
Führung durch das Museum Wilhelmsbau: ab 6 Euro


Artikel mit anderen teilen

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja