Altarraum der prostestantische Stephanuskirche in Böckweiler (Foto: SR/Lisa Huth)

„Ihr habt einen Schatz. Hütet ihn.“

Tour de Kultur 2021: Die protestantische Stephanuskirche in Böckweiler

Lisa Huth   19.07.2021 | 06:00 Uhr

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In die Senke östlich des Großen Kahlenberges rieselte schon immer das Wasser hinab. Schon vor rund 1.800 Jahren, als hier eine riesige Wohn- und Bewirtschaftungsanlage erbaut wurde. Bereits die Römer versuchten damals das Wasser zu bändigen, bauten eine Wasserleitung ins Tal hinab. Diese führte exakt unterhalb des heutigen Altars der Stephanuskirche in Böckweiler hindurch.

Eine byzantinische Schönheit

Tour de Kultur 2021: Die protestantische Stephanuskirche in Böckweiler
Audio [SR 3, Lisa Huth, 19.07.2021, Länge: 03:19 Min.]
Tour de Kultur 2021: Die protestantische Stephanuskirche in Böckweiler

Die Stephanuskirche ist von byzantinischer Schönheit. Für Deutschland ungewöhnlich sind die Kleeblatt-Apsiden der Kirche. Sie schmiegen sich um den Glockenturm herum. In der Architektur nennt man sie „Konchen“. Das sind kleine Rund-Anbauten an der Ostseite der Kirche, wie man sie häufig in Griechenland findet. Nach Ansicht von Marliese Rauch, der stellvertretenden Vorsitzenden im Presbyterium, war vielleicht ein Mönch mal in Südeuropa unterwegs, ihm gefiel die byzantinische Drei-Konchen-Bauweise, und er sorgte dafür, dass sie im 12. Jahrhundert um die ursprüngliche Apsis herum gebaut wurden.

Die Vorgängerin

Das war nämlich nicht die erste Kirche. Schon in der Karolingerzeit stand dort eine. Sie gehörte zu einer Klosteranlage. Das Kirchlein wurde dann im 11. Jahrhundert ausgebaut und stellte in dem kleinen Gebiet um Böckweiler ein doch recht gewaltiges Bauwerk dar. Für Pfarrerin Ines Weiland-Weiser ist es deswegen die älteste Kirche im Saarland, auch wenn sie urkundlich erst 1149 als Priorat des Klosters Hornbach erwähnt wurde. „Da stand auch drin, dass Hornbach sich verpflichtet, auf ewig bis zum jüngsten Tage Sorge zu tragen, dass die Kirche in gutem Zustand ist. Ich habe das wörtlich genommen. Aber die Hornbacher wollten dann kein Geld rausrücken für die Sanierung. Und unsere Landeskirche, also Speyer, meinte auch, das könne man jetzt nicht mehr so wörtlich nehmen. Aber einen Versuch war es wert“, meint die Pfarrerin mit Humor.

Von Spenden und einem Ehrentitel

Foto der Prostestantischen Stephanuskirche in Böckweiler von 1930 (Foto: SR/Lisa Huth)

Die Kirche war im Krieg arg ramponiert worden. Das Wasser vom Großen Kahlenberg tat sein Übriges, und die kleine Pfarrgemeinde brauchte für die Sanierung viel Geld. Das Landesdenkmalamt hatte Gelder gegeben, es gab Bundesmittel, aber aus den veranschlagten Kosten von 180.000 Euro wurden mehr als 300.000. Ines Weiland-Weiser und Marliese Rauch zogen gemeinsam eine Spendenaktion auf, die ihresgleichen sucht. „Ich habe alle angeschrieben, die ich im Internet als Spendengeber ausmachen konnte“, sagt Weiland-Weiser. Darunter war auch die KiBa, die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland der Evangelischen Kirche in Deutschland, EKD. Die setzte das Kirchlein 2019 auch auf die Liste der zwölf schönsten Kirchen in Deutschland. Die Stephanuskirche erhielt ihren Titel im Monat Mai. Jedes Jahr wird daraus die Kirche des Jahres für das darauffolgende Jahr gewählt. Böckweiler setzte sich unter anderem gegen die St.-Nikolai-Kirche in Stralsund, die Dorfkirche von Rossow in Mecklenburg-Vorpommern und die Erlöserkirche in Bad Homburg durch und wurde „Kirche des Jahres 2020“.

Bauliche Zeugen der Geschichte

Wer ohnehin vorhat, mal den Jakobsweg zu pilgern: Böckweiler liegt auf diesem und gehört auch zum Sternenweg. Wegen der besonderen Architektur und Geschichte, aber auch wegen der vielen liebevoll sanierten Kleinodien, die jedes einzelne Wert sind, sich auf den Weg nach Böckweiler zu machen. Da ist das „Fenster in die Geschichte“: Die Kirche war früher nämlich deutlich tiefer gelegen. Ein Pfeiler wurde freigelegt, durch zwei Fenster kann man den ursprünglichen Säulenfuß sehen. Etwas beschlagen, denn mit der Feuchtigkeit vom Kahlenberg muss auch heute noch gekämpft werden.

Nach dem Krieg wurde auch das ursprüngliche ziselierte Kreuz aus Bronze gefunden. Eine Nachbildung davon (Hinweis für potentielle Diebe: nicht aus Bronze, sondern aus Plastik) steht jetzt vor dem Altarraum. Außen an der Kirche sind Einkerbungen zu finden, als habe man diese Stelle als Wetzstein benutzt. Kreuzritter könnten dort ihre Schwerter vor der Abreise ein letztes Mal gewetzt haben. Möglicherweise sind es aber auch Krallenspuren des Teufels. Niemand weiß es so genau. „Ist halt schon lange her“, sagte Marliese Rauch, auch nicht ohne Humor.

Und dann wurde eine Zeitkapsel gefunden. 1949, als die Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg teilweise wieder hergestellt wurde, war die Urkunde von Hornbach genau 800 Jahre alt. Zur Feier des Jubiläums wurde eine Kapsel im Mauerwerk verarbeitet. Mit Fotos, Zeichnungen und Informationen. Nach dem Fund wurde alles dokumentiert, und die Kapsel soll auch bald wieder an ihren Platz zurückkehren.

Steintisch aus der ehemaligen Villa Rustica (Foto: SR/Lisa Huth)

Aus der Römerzeit ist nicht mehr viel erhalten. Nur ein gewaltig schwerer Steintisch, der im Wirtschaftsgebäude der ehemaligen Villa Rustica in einer Seitenstraße zur Kirche gefunden wurde. Überdacht steht er heute innerhalb der Umfriedung der heutigen kleinen Kirche. Diese halbrunden Steine auf der Umfriedung wurden übrigens aus den Säulen gehauen, die einst die große Kirche gestützt hatten.

All die kleinen Details, die schön gepflegte Anlage, der heimelige Ort, die Wege, die draußen unter anderem die ursprüngliche Kirche nachzeichnen, und dann natürlich die besondere Architektur der Kirche ließ manch einen Besucher sagen: „Ihr habt hier einen Schatz. Hütet ihn.“


Auf einen Blick


Kontakt: Marliese Rauch
Hochwaldstraße 10
66440 Blieskastel
Tel.: (06844) 14 94
E-Mail: urauch@t-online.de

Öffnungszeiten
Circa 9.00 - 18.00 Uhr

Eintritt
Der Eintritt ist frei. Spenden sind willkommen.

Anfahrt
Von Saarbrücken oder Homburg aus auf die A6 Richtung St. Ingbert fahren, die Abfahrt 7 bei Rohrbach nehmen. Abbiegen Richtung Blieskastel. Durch Blieskastel durchfahren, Richtung Webenheim. In Webenheim rechts abbiegen, Richtung Mimbach. Durch Mimbach durchfahren. Kurz danach links abbiegen, Richtung Böckweiler. Immer der Straße nach, auf LKW achten, die Straße ist schmal. Dann kommt Böckweiler.


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