SR-Redakteur Wolfgang Wirtz-Nentwig (Foto: SR)

"Ein doppelt schwarzer Tag für das Saarland und Saarlouis"

Ein Kommentar von Wolfgang Wirtz-Nentwig   22.06.2022 | 15:06 Uhr

Der Ford-Konzern hat sich im internen Bieterwettstreit zwischen Saarlouis und Valencia für das Werk in Spanien entschieden. Nicht nur die Entscheidung selbst ist bitter, sondern auch die Art, wie sie zustande gekommen ist, kommentiert SR-Wirtschafts-Chef Wolfgang Wirtz-Nentwig.

Es ist ein doppelt schwarzer Tag für Saarlouis und das ganze Saarland. Die Entscheidung selbst ist bitter und weitreichend.

Aber fast noch schlimmer ist die Art, wie sie zustande gekommen ist: In einer kruden Mischung aus Tarnung und Täuschung, der Verweigerung von Dialog und – man kann das leider nicht anders sagen – mit miesen küchenpsychologischen Tricks, um die eigenen Beschäftigten über Monate und Jahre mürbe zu machen.

Video [aktueller bericht, 22.06.2022, Länge: 2:25 Min.]
Kommentar von Wirtz-Nentwig zu Ford

Aus Kollegen Gegner machen

Statt in den europäischen Werken gemeinsam um bessere Produkte und Ideen zu kämpfen und der Konkurrenz Paroli zu bieten, hat man im eigenen Konzern Hunger Games veranstaltet und versucht, aus solidarischen Kollegen und Kolleginnen in Deutschland und Spanien Gegner zu machen.

Damit wurden auch die alte und die neue Landesregierung gezwungen, mit ihren Angeboten finanziell bis an die Grenzen des Erlaubten zu gehen, genau wie die spanische Regionalregierung.

Spiel mit der Angst

Doch obwohl die Entscheidung offenbar schon lange gefallen war, hat man weiter mit den Ängsten der Beschäftigten und ihrer Familien gespielt, um vielleicht noch ein paar Cent mehr herauszupressen.

Das ist – nochmal Verzeihung – finsterer Vulgärkapitalismus. Und der ist nicht nur menschenverachtend, sondern auch kontraproduktiv. Denn wer seinen eigenen Leuten so die Motivation raubt, kann im digitalen Zeitalter kaum die Zukunft gewinnen.

Rückbau statt Innovation

Jeder weiß doch, dass die Lage der Autohersteller aktuell wirklich schwierig ist. Und jeder hat Verständnis dafür, dass nichts so bleiben kann, wie es mal war.

Der Markt und die Technik erleben gerade einen beispiellosen Wandel. Niemand sieht und versteht das besser als die eigenen Beschäftigten und ihre Betriebsräte. Sie haben Ford über Jahrzehnte die Treue gehalten und Tag für Tag ihr Bestes gegeben.

Aber statt sie wirklich in Zukunftskonzepte einzubinden und die Chancen neuer Technologien zu nutzen, hat sich die Konzernspitze weggeduckt und die Lage damit noch schwieriger gemacht. Mit einem Management, das zu wenig vom europäischen Markt versteht und auf Rückbau statt Innovation setzt.

Anderer Blick auf die Autowelt

Von Detroit aus hat die Ford-Konzernspitze natürlich einen anderen Blick auf die Autowelt als in Deutschland. Denn in den USA ist das über Jahrzehnte erfolgreichste Modell der F 150, ein Monster-Pick-Up von der Größe einer mittleren Kapelle.

Im Schatten solcher Ungetüme hat man offenbar kein Auge für die Chancen und die Innovationskraft im Rest der Welt. Man trottet seit Jahren technologisch hinterher. Aber damit kommt man künftig nicht mehr durch, weil die Innovationszyklen schneller sind als je zuvor.

Ja, in Köln wird jetzt kräftig in E-Autos investiert, und Valencia soll später auch nachziehen, aber es wird ein weiter Weg, bis Ford den Rückstand auf andere Hersteller einholen kann. Falls überhaupt. Denn ganz im Ernst: Welcher Kunde soll denn künftig einer Marke vertrauen, die so mit ihren eigenen Leuten umgeht?

Chancen für die Zukunft

Für den Standort Saarlouis ist der heutige Tag trotzdem nicht das Ende, auch wenn noch offen blieb, was Ford konkret vorhat. Bis 2025 ist die Produktion des Focus gesichert, und bis dahin kann und wird man sich nach neuen Möglichkeiten umschauen.

Die Landesregierung hatte parallel zu den Verhandlungen mit Ford natürlich auch einen Plan B und C entworfen; alles andere wäre grob fahrlässig gewesen.

Es gibt zum Beispiel eine hervorragend erschlossene Immobilie, die sich für viele andere Nutzungen anbietet. Wenn man beobachtet, wie schwer, teuer und langwierig es heutzutage ist, einen neuen Industriestandort zu erschließen, kann das noch eine echte Trumpfkarte werden. Und es gibt erstklassige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nur darauf warten, zu zeigen, was sie können.

Das macht den heutigen Tag nicht besser. Aber der Blick in die Zukunft ist am Ende vielleicht doch nicht ganz so so trüb, wie viele nach dem heutigen Schock befürchten.

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