Eine Frau schiebt ihr Fahrrad durch den Schlamm im durch die Flut zerstörten Ahrweiler (Foto: picture alliance/dpa | Thomas Frey)

"Das ist hier wie im Krieg!"

Das Interview führte Maximilian Friedrich   22.07.2021 | 15:02 Uhr

Aaron Klein ist mit dem THW seit Montag im Katastrophengebiet bei Ahrweiler im Einsatz. Zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen vom Ortsverband St. Ingbert stellt er die Kommunikation per Funk sicher. Aaron selbst leistet Pressearbeit in der THW-Führungsstelle und bekommt dort das volle Ausmaß der Zerstörungen mit.

Das Hochwasser hat den Ort Ahrweiler bei Koblenz hart getroffen. Viele Häuser sind zerstört. Die Existenz Hunderter Menschen wurde von den Wassermassen weggespült. Bei den Aufräumarbeiten helfen Einsatzkräfte aus allen saarländischen THW-Ortsverbänden, unter anderem vom Ortsverband St. Ingbert. Sie sind seit Montag in Ahrweiler im Einsatz. Einer von ihnen ist Aaron Klein.

SR.de: Herr Klein, Sie haben das Ausmaß der Zerstörungen mit eigenen Augen gesehen. Wie ist denn die Lage rund um Ahrweiler?

Aaron Klein: Unvorstellbar! Es gibt hier Orte und Dörfer, die gibt es einfach nicht mehr. Es gibt immer noch Ortsteile ohne Strom und ohne Trinkwasser. Da kümmert sich jetzt teilweise die Bundeswehr darum. Sie liefert das Trinkwasser per Helikopter.

In den letzten Tagen kommen auch immer neue Probleme mit dazu. Zum Teil läuft Heizöl aus und muss eingefangen werden. Außerdem steigt das Infektionsrisiko, weil die sanitären Anlagen fehlen und dadurch vieles ungefiltert in der Ahr landet. Dazu kommt die fehlende Frischwasserversorgung, was die Hygienesituation noch angespannter macht.

SR.de: Welche Unterstützung leisten die Einsatzkräfte vom Ortsverband St. Ingbert und Sie denn vor Ort?

Klein: Meine Kolleginnen und Kollegen sind dafür zuständig, die Kommunikation unter den Einsatzkräften sicherzustellen. Konkret heißt das: Der ganze Funk der 200 Einsatzkräfte in der Einsatzleitung läuft durch unseren Einsatzwagen.

Ich selbst arbeite aber in der Pressestelle der Einsatzleitung. Das ist praktisch ein Büro-Wagen, in dem ich im Team für die Pressearbeit zuständig bin. Es rufen fast im 30-Sekunden-Takt Reporter aus der ganzen Welt an, die am besten sofort einen Interviewpartner haben wollen. Das wird dann so weit wie möglich von uns organisiert.

Führungsstelle des THW St. Ingbert in Ahrweiler (Foto: Aaron Klein/THW St. Ingbert)
Die THW Fürungsstelle - der Arbeitsplatz von Aaron Klein

SR.de: Sie erleben aber auch das ganze Leid der Betroffenen und die Zerstörung. Was macht der Einsatz denn mit Ihnen?

Klein: Momentan bin ich müde. Unsere Schicht beginnt um 6.30 Uhr und endet, wenn keine Anrufe mehr kommen. Mit den ganzen Eindrücken, die ich hier sammele, werde ich mich erst zu Hause beschäftigen. Sonst würde ich hier nichts geschafft bekommen.

Man merkt aber unter den Kollegen, dass es auch die "alten Hasen", die schon mehr Einsatzerfahrung haben, richtig mitnimmt. Da gibt es viel Gesprächsbedarf, wenn man abends zusammen sitzt. Es sind aber auch Experten vor Ort, an die wir uns wenden können, wenn es zu viel wird.

Spendet Geld! Kommt nicht hier her!

SR.de: Auf Facebook, Instagram und Co. gibt es viele Aufrufe dazu, in die Katastrophenregion zu kommen und zu helfen. Was halten Sie davon?

Klein: Unsere Einstellung ist ganz klar: Spendet Geld! Kommt nicht hier her! Das Wasser und auch das Essen sind teilweise knapp. Jeder Helfer, der hier her kommt, verbraucht diese wichtigen Ressourcen.

Wenn Helfer dann auch noch ohne Ankündigung anreisen, sind sie oftmals sogar mehr im Weg, als dass sie wirklich anpacken können. Darum: Bleiben Sie zu Hause und lassen Sie uns, unsere Arbeit machen. Dann klappt das!

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch!


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