Graffiti (Foto: SR/Patrick Wiermer)

Graffitikunst als Opfer der Bürokratie

Stadt Saarbrücken lässt Wandbilder überstreichen

Patrick Wiermer   24.11.2020 | 15:15 Uhr

Erst war dort Kunst, heute grauer Beton: Die von Künstlern gestalteten Graffiti unterhalb der Berliner Promenade sind von der Stadtverwaltung großflächig mit grauer Farbe übermalt worden. Die Aufregung ist groß, nicht nur in der Sprayer-Szene, auch in der Politik. Wie konnte das geschehen? Kurz: Kunst und Bürokratie vertragen sich offenbar nicht so gut.

Runde weibliche Formen auf runden Säulen, schwarz-weiße Frauenfiguren mit Bezug zum Wasser, eine waterwomenswelt – so der offizielle Titel der Graffitis der Künstlerin "petit comité Paris". Zu sehen ist davon heute nichts. Vor gut zehn Tagen wurden die Graffitis entfernt. Die Szene reagierte bereits: Auf grauweißen Wänden steht nun – in blauer Farbe - Klaus und Uwe, daneben hängen Bilder von Innenminister Klaus Bouillon und Oberbürgermeister Uwe Conradt. Offenbar täglich ist ein Putzkommando dabei, neue Graffitis von den Säulen zu entfernen.

Unverständnis auch im Stadtrat

Stadt Saarbrücken lässt Graffiti-Wandbilder überstreichen
Audio [SR 3, Patrick Wiermer, 25.11.2020, Länge: 03:14 Min.]
Stadt Saarbrücken lässt Graffiti-Wandbilder überstreichen

In der Graffitiszene zeigt man sich enttäuscht von der Säuberungsaktion. „Ich finde es sehr schade, von der Stadt Saarbrücken, so mit Künstlern umgeht. Ich kann es eigentlich gar nicht glauben“, sagt der Saarbrücker Graffitikünstler Alexander Karle. Auch in der Lokalpolitik herrscht Entsetzen vor. „Die Säulen nun einfach weiß zu übermalen, ist ein regelrechter Skandal“, sagt die Grünen-Stadtverordnete Jeanne Dillschneider als Sprecherin der Grünen Jugend Saar.

„Da waren im Innenministerium und in der Stadtverwaltung reine Bürokraten und Kunstbanausen am Werk“, empört sich Susanne Commerçon-Mohr von der Stadtratsfraktion der SPD. Alle fordern Aufklärung.

Graffitis kollidieren mit EU-Richtlinien

Das sei unglücklich gelaufen, das brauche man gar nicht zu bestreiten, so Thomas Blug, Sprecher der Saarbrücker Stadtverwaltung. Denn die Kunstwerke waren 2018 sogar mit dem Segen der Stadt entstanden. Die Flächen waren freigegeben – nur hätte das damals gar nicht passieren dürfen. Der Grund: Die Graffitis verstoßen gegen Richtlinien für EU-Fördermittel. 

Die Wilhelm-Heinrich-Brücke war 2015 mit solchen Mitteln saniert worden und in diesem Zusammenhang war laut Stadtverwaltung festgehalten worden, dass die Brücke hell gestaltet werden soll, ohne Graffitis, um keine Angsträume zu schaffen. Dementsprechend waren die Wände damals auch noch weiß gestaltet. Nur tobten sich die Sprayer bald an der Wand aus, mit mehr oder weniger künstlerischen Entwürfen. 2017 wollte die Verwaltung daher mehr Qualität an den Säulen – so entstanden die Wasserfrauen. 

Bürokratie schlägt Kunst

Jahrelang haben die niemanden gestört. Bis vor ein paar Tagen einige Mitarbeiter eines Ministeriums genauer hinschauten. Im Oktober 2020 machte das Ministerium des Inneren, Bauen und Sports die Landeshauptstadt Saarbrücken auf diesen Widerspruch zum Zuwendungszweck aufmerksam, heißt es schriftlich aus dem Bauministerium, das die Fördermittel aus Europa verwaltet und verteilt.

Die Folge: Der Stadt drohte ein Förderschaden. Die Stadtverwaltung reagierte schnell – wohl zu schnell. "Auf dieser Basis haben Kollegen entschieden, die Fläche überstreichen zu lassen", sagt  Stadtsprecher Thomas Blug. Ein Fehler, denn eigentlich bekenne sich die Stadt zu urbaner Graffiti-Kunst. Nun wolle man – auch als Ausgleich – weitere legale Sprühflächen in der Stadt ausweisen.

Angst vor weiteren Übermalaktionen

Doch die Erregung legt sich nur langsam. „Ja, das ist der Sache inhärent, wenn man eine graue Wand hinterlässt. Diese Verbindung lässt sich nicht lösen“, sagt Künstler Karle. Sein Blick wandert sorgenvoll auf die andere Saar-Seite. Denn auch dort gibt es unter der Brücke kunstvolle Graffitis. Sie sind im Sommer bei einem Wettbewerb entstanden. Das Thema lautete: Graffitis für Europa. Ausgerechnet.

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