Ein neuer Kreißsaal auf der Neugeborenenstation in der Asklepios Klinik in Hamburg-Wandsbek (Foto: picture alliance / Christian Charisius / dpa)

Gynäkologen verteidigen Einsatz von Cytotec

  13.02.2020 | 21:56 Uhr

Nach den Berichten über den Einsatz des umstrittenen Medikaments Cytotec, das zur Geburteneinleitung verwendet wird, haben die Uniklinik Homburg und die Deutsche Gynäkologische Gesellschaft Stellung bezogen. Sie verteidigen die Verwendung des Wirkstoffes.

In der Geburtshilfe in Deutschland wird ein Medikament eingesetzt, das dafür nie zugelassen wurde: Cytotec. Nach der Gabe kann es nach Recherchen von BR und "Süddeutscher Zeitung" zu schwerwiegenden Komplikationen bei Mutter und Kind kommen. Der saarländische Hebammenverband hatte dem SR bestätigt, dass das Medikament auch im Saarland eingesetzt wird. Die Vorsitzende Anne Wiesen sagte, dies geschehe aus Kostengründen.

Video [aktueller bericht, 13.02.2020, Länge: 3:26 Min.]
Diskussion um Cytotec-Einsatz

Die Uniklinik Homburg setzt nach eigenen Angaben auf den Wirkstoff Misoprostol und damit auf das Medikament Cytotec. Patientinnen würden darüber aufgeklärt, dass das Medikament nicht speziell für Geburten zugelassen sei. "Grundsätzlich gilt, dass beim Einsatz aller Medikamente zur Weheneinleitung diese Einleitungen engmaschig überwacht werden", sagte der Ärztliche Direktor der Klinik für Frauenheilkunde, Geburtshilfe und Reproduktionsmedizin an der Uniklinik, Prof. Dr. Erich-Franz Solomayer.

Komplikationen bei Frauen mit Gebärmutter-OPs

Interview mit Dr. Solomayer zum Einsatz von Cytotec zur Geburtseinleitung
Audio [SR 3, Interview: Dorothee Scharner, 13.02.2020, Länge: 03:57 Min.]
Interview mit Dr. Solomayer zum Einsatz von Cytotec zur Geburtseinleitung

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe verteidigt den Einsatz des Präparates. Der Einsatz des Wirkstoffes „Misoprostol“, der in Cytotec enthalten sei, sei "zur Geburtseinleitung unter Experten nicht umstritten, weshalb fast alle Perinatalzentren höchster Ordnung diesen Wirkstoff verwenden." Es werde aber nicht Cytotec 200 genutzt, sondern ein Misoprostol-Präparat geringerer Dosierung. Die Wirkung von Misoprostol sei in mehreren Studien untersucht worden. Es sei "das effektivste Medikament zur Geburtseinleitung" und führe vor allem bei oraler Anwendung zu einer geringeren Kaiserschnittrate als andere eingesetzte Medikamente.

Komplikationen könne es aber bei Frauen geben, bei denen es im Vorfeld Operationen an der Gebärmutter gab, beispielsweise ein früherer Kaiserschnitt. In diesen Fällen dürfe das Präparat nicht zur Geburtseinleitung verwendet werden. Außerdem dürfe es nicht verwendet werden, wenn bereits Wehentätigkeit vorhanden sei, da dies zu Überstimulationen führen könne.

Die Diskussion um Cytotec
Audio [SR 3, Patrick Wiermer, 14.02.2020, Länge: 02:58 Min.]
Die Diskussion um Cytotec

Jochen Frenzel, Landesvorsitzender des Berufsverbandes der Frauenärzte, sagte dem SR, Cytotec werde so häufig eingesetzt, weil es nicht nur unbedenklich sei, sondern auch einfach als Tablette eingenommen werden könne. Andere Mittel müssten vaginal eingeführt werden. Man wolle aber den Frauen möglichst viele vaginale Manipulationen ersparen.

Schwierigkeiten und Unsicherheiten gibt es aber offenbar hinsichtlich der Dosierung, Anwendungshäufigkeiten und Überwachung des Medikamentes. Nach Recherchen des BR und der SZ dosieren Kliniken das Medikament sehr unterschiedlich, teilweise deutlich höher, als die WHO empfiehlt. Zudem seien die Leitlinien zur Geburtseinleitung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) seit Jahren abgelaufen. Neue würden derzeit erarbeitet.

Der Wirkstoff Misoprostol ist nach Angaben der DGGG in vielen Ländern zur Geburtseinleitung zugelassen. Auch wenn beispielsweise die französische Gesundheitsbehörde ANSM vor Cytotec gewarnt habe, sei dort das niedriger dosierte Misoprostol-Präparat "Angusta" zugelassen. Dieses Präparat solle Plänen zufolge auch in Deutschland zum Jahresende eine Zulassung erhalten.

Cytotec auch im Saarland verwendet
"Geburtshelfer" mit gefährlichen Nebenwirkungen


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Über dieses Thema hat auch die Region am Mittag auf SR 3 am 13.02.2020 berichtet.

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