Bildmontage: Saarlandkarte vor einer Laborangestellten mit Teströhrchen in der Hand (Foto: picture alliance/Eibner-Pressefoto | Weber/Eibner-Pressefoto)

Wie sich der aktuelle Corona-Anstieg im Saarland auswirkt

Thomas Braun   11.01.2022 | 19:06 Uhr

In der vergangenen Woche sind im Saarland 75 Prozent mehr neue Coronafälle gemeldet worden als eine Woche zuvor. Sprunghaft angestiegen ist auch die Zahl der Omikron-Nachweise. Wie stark die Verbreitung im Saarland tatsächlich ist, lässt sich derzeit aber nur schwer einschätzen.



Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat in der vergangenen Woche 3678 neue Corona-Infektionen im Saarland gemeldet. Das waren rund 75 Prozent mehr als eine Woche zuvor.

Anstieg in allen Altersgruppen

Die Fallzahlen sind in allen Altersgruppen gestiegen. Mehr als verdoppelt haben sie sich bei den 50- bis 59-Jährigen, in der Altersgruppe von 15 bis 19 Jahren gab es sogar eine Verdreifachung. Die höchsten Fallzahlen insgesamt gibt es aber nach wie vor bei den jungen Erwachsenen.

Mehr Fälle in fast allen Kommunen

Der Anstieg der Fallzahlen zeigte sich landesweit - in nahezu jeder saarländischen Stadt und Gemeinde gab es ein mehr oder minder großes Plus im Vergleich zur Vorwoche. Lediglich in Friedrichsthal, Quierschied, Ensdorf und Überherrn ging die Zahl der neu gemeldeten Fälle leicht zurück. Nach wie vor keine lokalen Daten gibt es aus dem Saarpfalz-Kreis.

Die landesweit höchste Inzidenz hatte in der vergangenen Woche die Kreisstadt St. Wendel. 209 neue Fälle bedeuten für die Kleinstadt eine rechnerische Sieben-Tage-Inzidenz von 814. Mit beigetragen zu den hohen Fallzahlen hat ein Ausbruch in der dortigen Kneipenszene.

Omikron-Anteil schwer abzuschätzen

Welche Rolle die Omikron-Variante bei dem neuerlichen starken Anstieg spielt, lässt sich aus den vorliegenden Daten nur schwer abschätzen. Bestätigt sind laut Gesundheitsministerium bislang 791 Omikron-Fälle in der vergangenen Woche, was einer Quote von etwas mehr als 20 Prozent entsprechen würde.

Der tatsächliche Anteil dürfte aber deutlich höher liegen, wie interne Daten des größten saarländischen Labors, Bioscientia, nahelegen. Das Labor hatte zeitweilig alle Proben mit einer ausreichend hohen Viruslast - also einem CT-Wert kleiner oder gleich 28 - auch mittels Varianten-PCR auf Omikron untersucht.

Innerhalb von anderthalb Wochen schoss der Omikron-Anteil bei diesen untersuchten Proben von 14 Prozent am 28. Dezember auf 82 Prozent am 7. Januar. Allerdings wurden längst nicht alle Proben so untersucht. An manchen Tagen eignete sich nur etwa die Hälfte der Proben für eine weitergehende Untersuchung - an anderen waren es auch mal 70 oder mehr Prozent.

Labor stellt automatische Omikron-Untersuchung ein

Mittlerweile hat das Labor diese Varianten-Untersuchung auch wieder eingestellt, führt sie nur noch auf Anforderung durch. Man gehe davon aus, dass schon in wenigen Tagen in allen untersuchten Proben Omikron dominierend sein werde, diese Variantentypisierung also kaum noch einen Zusatznutzen bringe, teilte ein Sprecher mit. Stattdessen würden die Laborkapazitäten benötigt, um die zu erwartenden steigenden Zahlen an "normalen" Corona-Virenproben zu bewältigen.

Patienten- und Sterbefallzahlen gesunken

Auf die Patientenzahl in den Krankenhäusern hat dieser neuerliche Anstieg der Fallzahlen bislang noch keine Auswirkung. Im Vergleich zur Vorwoche ist die Belegung mit Corona-Patienten sowohl auf Normal-, als auch auf Intensivstation gesunken.

Auch die Zahl der gemeldeten Todesfälle in Zusammenhang mit einer Coronainfektion ist weiter gesunken. Vergangene Woche wurden 15 Sterbefälle gemeldet, drei Wochen zuvor waren es noch 49.

Zwar schlägt sich ein Anstieg bei den Fallzahlen immer erst mit Verzögerung in den Patienten- und Sterbefallzahlen nieder, derzeit lässt sich aber nur schwer einschätzen, wie hoch dieser Anstieg im Saarland tatsächlich ausfallen wird. Denn hier spielen viele Faktoren wie etwa der Impfstatus und das Alter der Infizierten eine Rolle.

Mindestens 50 Prozent der Omikron-Fälle bei Geimpften

Klar ist mittlerweile, dass sich auch geimpfte Personen mit der Omikron-Variante deutlich häufiger anstecken als mit der Delta-Variante. Das zeigen auch die aktuellen Daten aus dem Saarland. Von den 791 bestätigten Omikron-Fällen ist bei 427 - also mehr als der Hälfte - bekannt, dass sie geimpft waren. Etwa ein Viertel davon zeigte auch Krankheitssymptome, gilt also per Definition als Impfdurchbruch.

Bei weiteren 35 Prozent ist der Impfstatus unbekannt. Nur bei 91 Personen weiß man, dass sie sich als Ungeimpfte mit Omikron angesteckt haben.

Weniger schwere Verläufe durch Impfung und Omikron

Der Berliner Virologe Christian Drosten geht davon, dass sich die Krankheitslast zunehmend von der Inzidenz entkoppelt. Der Anteil der Infizierten, die so schwer erkranken, dass sie ins Krankenhaus müssen, sinkt also. Das liege zum einen an den Impfungen - insbesondere der Booster mache hier den Unterschied, sagte Drosten im NDR-Podcast.

Aber die Omikron-Variante verursache offenbar auch weniger schwere Verläufe - sogar bei Ungeimpften, sagte Drosten mit Verweis auf eine Studie auf England. Danach sinke das Risiko für eine Krankenhauseinweisung bei Ungeimpften um ca. 24 Prozent gegenüber der Delta-Variante, bei zweifach Geimpften um 30 Prozent und bei Geboosterten um 63 Prozent. "Was also richtig schützt gegen Omikron, ist eine Dreifach-Impfung", sagt Drosten.

Insgesamt schränkt der Virologe allerdings ein, dass sich in England zunächst eher mittelalte Erwachsene mit Omikron infiziert hätten, also eher die Altersgruppe mit generell milderen Verläufen. Ein Fragezeichen bleibe also noch, was passiert, wenn sich das Infektionsgeschehen auf höhere Altersgruppen verteile.

Fast drei Viertel der über 60-Jährigen geboostert

Das Saarland ist in den höheren Altersgruppen mit Blick auf die Impfquote im Bundesvergleich mit am besten aufgestellt. Vollständig geimpft sind bei den über 60-Jährigen 91,6 Prozent der Bevölkerung, fast drei Viertel in dieser Altersgruppe haben auch schon eine Boosterimpfung - jeweils der zweithöchste Wert nach Bremen bzw. Berlin.

Insgesamt hat die Impfkampagne nach einer Delle zwischen den Jahren wieder deutlich an Fahrt zugelegt. In der vergangenen Woche wurden im Saarland laut RKI rund 70.000 Impfungen durchgeführt, davon etwa 80 Prozent Auffrisch-Impfungen.

Ähnlich schnelle Verbreitung, aber besserer Schutz als im März 2020

Unklar ist, wie es die kommenden Wochen weitergeht. Drosten vergleicht die aktuelle Situation in etwa mit dem März 2020 - dem Beginn der Pandemie. Nur, dass wir jetzt in einer besseren Ausgangsposition seien.

Die Omikron-Variante habe einen starken Immunescape, könne also den Immunschutz von Geimpften und Genesen teilweise umgehen und sich deshalb ähnlich gut in der Bevölkerung verbreiten wie der ursprüngliche Wildtyp. Aber dank der Impfung seien gerade die Älteren besser vor einem schweren Verlauf geschützt.

Hinzu komme, dass wir weitere Schutzmöglichkeiten wie etwa Masken hätten, die zu Beginn der Pandemie Mangelware waren. "Heute können wir uns als Normalbürger eine FFP2-Maske aufsetzen. Das hat einen enormen bremsenden Effekt auf die Verbreitung gerade dieses Virus", sagte Drosten. Zudem habe man mittlerweile die Schnelltests - und auch viel mehr Erfahrung zur Wirksamkeit einzelner Maßnahmen.

Man werde zwar auch in Deutschland ähnlich wie in anderen europäischen Ländern eine steile Welle sehen, habe aber mehr Möglichkeiten, das Ganze zu moderieren als noch im März 2020.

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