Fotomontage eines positiver Corona-Schnelltest mit der Aufschrift BQ.1.1 (Foto: IMAGO / Christian Ohde)

Corona: Noch Pandemie oder schon Endemie?

Kai Forst   11.11.2022 | 06:47 Uhr

Wohin steuert uns die Corona-Pandemie im anstehenden Winter? Ist es überhaupt noch eine Pandemie oder schon eine Endemie? Und wie gefährlich ist die sich ausbreitende Omikron-Untervariante BQ.1.1? Der Virologe Jürgen Rissland vom Universitätsklinikum Homburg klärt auf.

Während die Corona-Zahlen im Saarland im Spätsommer und frühen Herbst bundesweite Spitzenwerte mit einer Inzidenz von mehr als 1600 erreichten, sinken die Werte seit einigen Wochen merklich. Allerdings ist die neue Omikron-Subvariante BQ 1.1. auf dem Vormarsch. In Frankreich ist sie etwa bald schon die dominanteste Variante.

In Deutschland breitet sie sich derzeit zwar noch langsamer aus. Allerdings glaubt der Homburger Virologe Dr. Jürgen Rissland, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis BQ 1.1 im Saarland richtig ankommt. „Wir haben hier ja schon einzelne Fälle von BQ 1.1. Und ich denke, dass diese Variante bald richtig Fahrt aufnehmen wird. Wir haben das in Modellen zusammen mit Professor Thorsten Lehr berechnet. Und da gehen wir davon aus, dass BQ 1.1 schon Ende November die dominierende Variante im Saarland sein wird.“

Virologe Jürgen Rissland über die aktuelle Coronalage
Audio [SR 3, Michael Friemel, 11.11.2022, Länge: 03:28 Min.]
Virologe Jürgen Rissland über die aktuelle Coronalage

„BQ 1.1 wird sich wahrscheinlich durchsetzen“

Generell gebe es viele Untervarianten, die derzeit miteinander konkurrieren. Am Ende werde sich diejenige herauskristallisieren, die das Rennen macht. Und nach dem jetzigen Stand habe BQ 1.1 gute Karten, sich durchzusetzen, so Rissland.

Regelungen weitgehend übernommen
Lockerungen bei der Maskenpflicht im Saarland

Doch wie gefährlich ist die sich schneller ausbreitende neue Omikron-Untervariante? „Für die momentan zirkulierenden Untervarianten gibt es bislang keine wirklich klaren Hinweise, dass sie krank machender sind. Diese Varianten sind zwar besser übertragbar aber zeichnen sich nicht durch schwerere Krankheitsverläufe aus. Und das ist erst einmal tröstlich, aber auch kein Grund anzunehmen, die Pandemie sei schon komplett vorbei“, erklärt der Homburger Virologe.

Noch Pandemie oder schon Endemie?

Ein wenig anders hatte es jüngst der Chef der Ständigen Impfkommission (STIKO) Thomas Mertens formuliert, indem er die Corona-Pandemie quasi für beendet erklärte hatte. Demnach handele es sich inzwischen eher um eine „endemische Virusinfektion“. Als endemisch gilt eine Krankheit, wenn sie in einer Region, also lokal begrenzt, mit relativ konstanter Erkrankungszahl dauerhaft auftritt.

Eine Einschätzung, die Jürgen Rissland nur bedingt teilt. „Einerseits hat Thomas Mertens recht und andererseits wieder nicht. Denn ich weiß nicht, ob wir schon von einer örtlichen Begrenztheit des Virus sprechen können. Und das würde eben eine Endemie im Gegensatz zu einer weltweiten Pandemie auszeichnen. Daher bin ich mir nicht sicher, ob wir schon von einer endemischen Phase sprechen können“, so Rissland.

Noch keine örtliche Begrenztheit

Zwar habe man in der Vergangenheit feststellen können, dass es deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Regionen gibt. Dennoch sei etwa noch in allen Bundesländern eine deutliche Aktivität gegeben.

Mit Blick auf die örtliche Begrenztheit gibt sich Rissland daher noch vorsichtig. Zudem sei es noch zu früh, davon auszugehen, dass die vorherrschenden und kommenden Corona-Varianten ausschließlich milde Verläufe hervorriefen.

„Es wird langsam abfallen“

Mit Blick auf die Corona-Entwicklung im anstehenden Winter ist Virologie Rissland vorsichtig optimistisch. „Es wird wohl langsam abfallen. Es wird immer mal wieder kleine Anstiege geben, aber im Kern haben wir eher eine Beruhigungstendenz.“ Allerdings könne es durch BQ 1.1 bald entweder zu einem langsameren Abfall oder wieder zu einer leichten Zunahme kommen. „Daher sollten wir weiterhin eine gewisse Vorsicht walten lassen. Also Masken, Abstände und nicht so tun, als wäre alles schon komplett vorbei.“

Dass es wieder zu Maßnahmen wie Schul- oder Kitaschließungen wie zu Beginn der Pandemie kommen wird, glaubt Rissland nicht. „Das halte ich für eher unwahrscheinlich. Das merkt man auch an Maßnahmen-Papieren, die derzeit erarbeitet werden. Ganz ausschließen kann man das natürlich nie, weil man nicht weiß, welche Virusvarianten noch auftreten werden.“

Waren Kita-Schließungen unnötig?

Jüngst hatte eine Studie herausgefunden, dass Kita-Schließungen in der Vergangenheit für den Infektionsschutz eher unnötig waren. Eine Erkenntnis, der Jürgen Rissland mit einem gewissen Schmunzeln begegnet. „Wenn man vom Rathaus kommt, ist man schlauer. Heißt: Wenn wir mit dem Wissensstand von heute auf die Handlungen von damals zurückblicken, dann trifft das natürlich voll zu. Aber damals gab es eben eine gewisse Unklarheit über die Übertragungsintensität und die Übertragung aus der Kita in den Privatbereich hinein“, so Rissland weiter.

Zudem habe es zu Beginn der Pandemie keine Medikamente und keinen Impfstoff gegeben. „Wir hatten eben nur die Kontaktvermeidung als effektivstes Mittel. Insofern bin ich einfach ein bisschen vorsichtig, mit dem Wissensstand von heute zu sagen: Kita-Schließungen damals waren unnötig.“

Angepasster Biontech-Impfstoff mit Vorteilen

Mit Blick auf Berichte, wonach eine Auffrischungsimpfung mit dem an die Omikron-Sublinien BA.4/BA.5 angepassten Corona-Impfstoff von BionTech deutlich wirksamer als der ursprüngliche Impfstoff sein soll, erklärt Rissland: „Es ist absolut sinnvoll, die momentanen Auffrischungsimpfungen ausschließlich mit diesem angepassten Impfstoff vorzunehmen. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Der angepasste Biontech-Impfstoff hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem angepassten Impfstoff von Moderna.“

So sei Biontech auf BA.4 und BA.5 angepasst worden, Moderna hingegen nur auf BA.1. Der angepasste Biontech-Impfstoff biete daher den momentan besten Schutz gegen BA.5 und dessen Untervarianten wie BQ 1.1. Daher könne man die Menschen nur ermuntern, davon Gebrauch zu machen.

„Auch unter 60-Jährige können sich impfen lassen“

Gleichzeitig will Rissland mit einer Unklarheit aufräumen. Die Tatsache, dass die Stiko eine vierte Impfung für Menschen ab 60 empfehle, bedeute nicht, dass sich jüngere Menschen nicht impfen lassen dürften. „Im Gegenteil, auch Menschen unter 60 können bei ihrem Hausarzt nach einer vierten Impfung fragen. Die über 60-Jährigen haben in der Empfehlung lediglich einen Vorrang.“ Gesundheitsschädlich sei eine vierte Impfung für jüngere Menschen nicht, wenn die entsprechenden Rahmenbedingungen stimmten. „Das müsste künftig bei den Empfehlungen vielleicht noch klarer formuliert werden.“

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