Depressionen in der Corona-Krise: "Sehr häufig hat sich die Symptomatik verschlechtert"

Was macht die Corona-Krise mit der Psyche?

Das Interview der Woche mit Prof. Tanja Michael, Psychotherapeutin, Universität des Saarlandes

Peter Weitzmann. Onlinefassung: Rick Reitler  

Im Interview der Woche spricht SR-Moderator Peter Weitzmann mit Tanja Michael, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Saar-Uni. Es geht u. a. um eine Studie über die psychischen Folgen der Corona-Krise, um die Volkskrankheit Depression und über Menschen auf Demonstrationen.

Sendung: Samstag 23.05.2020 12:45

Saar-Uni startet Online-Befragung
Was macht Corona mit der Psyche?
Was bedeutet die Corona-Krise für die Psyche? Das will die Universität des Saarlandes herausfinden und sucht für eine Online-Studie Teilnehmer – ob mit oder ohne Infektion.


Corona hat eine Ausnahmesituation ausgelöst, nun schon über Monate hinweg. Es gab massive Einschränkungen, jetzt gibt es Lockerungen. Dennoch bleibt die Gefahr präsent und der Alltag vieler Menschen ist nach wie vor weit von "normal" entfernt.

An der Universität des Saarlandes hat die psychotherapeutische Universitätsambulanz eine Hilfehotline eingerichtet und man hat eine Studie zu den psychischen und sozialen Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie gestartet. Für das "Interview der Woche" hat sich SR-Redakteur Peter Weitzmann mit Tanja Michael, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Saar-Uni, unterhalten.

Ängste, Schlafstörungen, Depressionen

Das Schicksal von Verwandten und Freunden, die sich mit Corona infiziert haben, treibt nach ihrem Kenntnisstand etwa ein Drittel der Anrufer bei der Hilfehotline der Uni-Psychologen um. Ein Drittel habe schon vorher psychische Probleme gehabt und leide jetzt besonders, etwa weil die schönen Dinge, die einen sonst "über Wasser" hielten, derzeit oft ausfielen.

Die Psychologin Prof. Tanja Michael (Foto: Privat)
Die Psychologin Prof. Tanja Michael (Foto: Privat)

Diese Situation sei auch beim letzten Drittel der Anrufer spürbar, so Michael. Sie litten aufgrund der Gesamtsituation beispielsweise unter Ängsten und Schlafstörungen. Michael habe festgestellt, dass Depressionen zunähmen. Eben dadurch, dass nun mehr Stress und Angst da seien und weniger positive Ereignisse, erwische die Depression nun auch Menschen, die bislang nicht damit zu tun gehab hätten.

"Kindgerecht erklären"

Mit Blick auf die Kinder, die teilweise auch schon sehr lange zu Hause sitzen, beruhigte die Expertin zumindest teilweise: Für Kleinkinder sei die Situation nicht unbedingt stressig. Diee Kinder seien oft zufrieden, wenn Eltern und Geschwister da seien. Bei Kindern ab vier oder fünf Jahren sei die Situation schwieriger. Hier sollten die Eltern nicht um den heißen Brei herumreden, sondern kindgerecht erklären, dass die Zeiten jetzt schwierig seien, dass sie aber wieder besser würden. Sie sollten versuchen, gemeinsame Projekte mit den Kindern zu machen und darauf zu achten, auch mal nach sich selber zu schauen. "Was für die Eltern gut ist, ist auch für die Kinder gut", sagte Prof. Tanja Michael.

Massive Belastung für Senioren

Viele längst groß gewordene Kinder sorgten sich in diesen Zeiten aber auch um ihre alt gewordenen Eltern. Nicht nur denen in Heimen seien durch Corona viele direkte Sozialkontakte verloren gegangen. Dies sei gerade für Ältere eine massive Belastung, weil manche aufgrund ihres Lebensalters nicht mehr die Chance sähen, viel Verpasstes nachzuholen, so die Expertin.

Demonstranten mit "Sendungsbewusstsein"

Auf die Flucht vor der aktuellen Drucksituation hätten sich aus Sicht der Psychologin wohl manche Leute begeben, die sich derzeit zu Demonstrationen einfinden, um ihre teils kruden Verschwörungstheorien zu verbreiten. Da gebe es welche, die versuchten, die Bedrohung für sich selbst kleiner zu machen, indem sie die Gefahr herunterspielten. Andere wollten mehr nach außen wirken. Sie hätten das Gefühl, etwas Besonderes zu sein und Sachen besser zu verstehen als andere Leute. In der Folge entwickelten sieeine Art Sendungsbewusstsein, das am Ende aber vor allem dazu diene, sich selbst gut zu fühlen.

Mehr zum Thema im Archiv:

Interview mit Prof. Tanja Michael, UdS (17. März 2020)
Was sind die psychischen Corona-Folgen?
Schon ganz zu Beginn der Corona-Krise, Mitte März 2020, als sich erste Einschränkungen abzeichnen zu begannen, hatte SR-Moderator Peter Weitzmann schon einmal mit Professor Tanja Michael gesprochen.

Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Mittag" vom 23.05.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt einen Mann, der gedankenverloren über einen See blickt (Archivfoto: pixabay (CC0)).

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