Glosse: Fleischpflanzerl

Fleischpflanzerl

Eine Glosse von Erik Heinrich   19.10.2020 | 08:50 Uhr

Vegetarische oder vegane Produkte im Kühlregal haben oft Namen, die mit Fleisch zu tun haben. Das will die EU nun ändern. Erik Heinrich findet: Auch die Fleischprodukte sollten klarer beim Namen genannt werden! Eine Glosse.

Von den vielen Dingen, die wir wider besseres Wissen tun, ist Fleischessen gewiss das kurioseste. Hörten wir alle auf einen Schlag damit auf, tote Mitgeschöpfe zu verzehren, wären großes Tierleid gestoppt und die Klimakrise erheblich gebremst.

Ich weiß, dagegen steht der betörende Duft eines Steaks in der Pfanne oder der das Wasser im Mund sprudeln machende Anblick eines frischen Brotes mit dick Blutwurst, Zwiebeln und Remoulade, sowie der lebenskundige Satz von Oscar Wilde: Ich kann allem widerstehen - außer der Versuchung. Is'n Punkt.

Aber, na, Sie wissen schon: Vernunft. Und deswegen sollten wir über Namen sprechen. Die grundvernünftige EU spricht schon über Namen. Denn bisher: Fleischprodukte haben Namen, die mit Fleisch zu tun haben und vegetarische oder vegane Produkte haben ebenfalls Namen, die mit Fleisch zu tun haben. Veggie-Burger zum Beispiel. Oder Tofu-Wurst.

Die EU meint, das verwirre womöglich den arglosen Verbraucher und die Fleischindustrie findet das sowieso doof. Ich auch. Nur wo Fleisch drin ist, sollten fleischliche Namen draufstehen. Denn erstens beflügelt das die Phantasie der Namenserfinder für Veggie-food. Das hat schon bei veganem Käse geklappt, der nach einem Urteil des EuGH nicht mehr veganer Käse heißen darf und sich jetzt zum Beispiel "Herr Berta Bio", "Happy White" oder "Vamembert" nennt.

Nichtfleisch kann sich doch auch neu erfinden. Der Erbsen-Burger hieße vielleicht "Protein-Hammer", das leckere Zeug auf den Nudeln "Tierfreude à la Bolognese"; ich weiß, das könnt ihr noch besser, ihr Marketing-Hipster!

Und zweitens, gleiches Recht für alle, sollte dann auch bei Tierprodukten der Klarname draufstehen. Damit wir arglosen Verbraucher wissen, womit wir es zu tun haben. Mit "Hühnerleidnuggets" zum Beispiel, oder "Tierabfallpresslingen" oder "Schweinekadaverbraten", "Wurst vom lebendgerupften Truthahn".

Fleischsalat darf dann nicht mehr Salat heißen, denn wir denken an Grünzeug. Und Fleischpflanzerl geht gar nicht. Nicht dass wir in dem Irrglauben, es mit einem besonders saftigen Gemüseball zu tun zu haben, oh Schreck!, herzhaft in die bayerische Tottierspezialität beißen, die anderswo Frikadelle heißt.


Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 19.10.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild zeigt Hände beim Frikadellen-Zubereiten (Foto: dpa / Jens Büttner).

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