Glosse: Lüften!

Lüften!

Eine Glosse von Erik Heinrich   16.10.2020 | 07:50 Uhr

Das Bundesumweltamt empfiehlt intensives Lüften in Schulen. Dass das gerade in der kalten Jahreszeit nicht ganz unproblematisch ist, zeigt die Forderung des Deutschen Philologenverbands, sich im Klassenzimmer an Pullover, Schals und sogar Decken zu gewöhnen. Unser Kolumnist Erik Heinrich fühlt sich da an seine eigene Schulzeit erinnert... Eine Glosse.

Wenn bei uns in der Klasse mal einer lüften wollte, pflegte unsere Bio-Lehrerin, dünn und nicht sehr frosthart, zu sagen: Es sind schon viele erfroren, aber noch keiner erstunken! Und so dämmerten wir in lauwarmer Mischung aus Pubertätsschweiß und Sauerkrautwinden vor uns hin, bis wir, endlich, nach Frischluft schnappend, auf den Pausenhof durften.

Musste denn erst das Corona-Virus kommen, um den Unfug unserer Bio-Lehrerin zu widerlegen? Heute wissen wir, hätten es qua gesundem Menschenverstand auch damals wissen können, dass ein frischer Wind von draußen die Virendichte verdünnt und die Erreger sich in der Weite der Atmosphäre verlieren. Die Hüterin des gesunden Menschenverstandes, unsere liebe Frau Bundeskanzlerin, hat das Lüften zur ersten Bürgerpflicht erhoben. Der Guardian wundert sich, dass die Deutschen sogar zwei Mal täglich die Fenster aufreißen.

Der Begriff "Stoßlüften" für die wirkmächtige Virusbekämpfungswaffe erobert indes gerade als Germanismus die Welt. Schüler, Lehrer, Großraumbüro-Insassen aller Länder, lernt von deutschen Schulen – bei PISA meistens Mittelmaß, im Stoßlüften Weltmeister! Ja, frischer Wind wehe durch alle Länder und sorge für rote Backen und strubbelige Frisuren! Und für klare Köpfe bei denen, die in stickigen Buden vor den Rechnern sitzen und sich mit Verschwörungsgeschwurbel infizieren.

Frischluft hilft auch gegen Grippe- oder Erkältungserreger, regt den Kreislauf an, stärkt das Immunsystem. So fordern wir: Belüftung für alle! In jedem Betrieb, jeder Behörde, jeder Schule sollte es Frischluft-Beauftragte geben, die sich für gut zu öffnende Fenster und ihren tüchtigen Gebrauch einsetzen. Das ist zwar retro im Zeitalter der vollautomatischen Klimasysteme, aber schöner und gesünder.

Und wenn wir schon dabei sind: Wo sind die Straßenbahnen und die Schnellzüge mit den guten alten Schiebefenstern geblieben? Hier könnte Bahnreisen gegenüber Flugverkehr punkten, wo das Herunterkurbeln von Scheiben technisch ungünstig ist. Die Bekleidungsindustrie ist auf der Seite von uns Frischefreunden. Und so ein Eskimo-look, wie ihn die Forscher auf der Polarstern tragen, kommt auch im Büro gut.

Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 16.10.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild zeigt einen Klassenraum am TGS BBZ Neunkirchen, in dem regelmäßig gelüftet wird (Archivfoto: SR Fernsehen/aktueller bericht).

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