Glosse: Will denn keiner mehr bleiben?

Will denn keiner mehr bleiben?

Eine Glosse

Erik Heinrich   12.02.2020 | 07:55 Uhr

Seit der Ministerpräsidentenwahl in Thürigen rollt eine Rücktrittswelle durch Deutschland: Innerhalb der letzten 48 Stunden kündigten gleich drei prominente Führungskräfte aus Politik, Sport und Kirche an, mehr oder weniger freiwillig auf ihr Amt verzichten zu wollen. Das kann unser Kolumnist Erik Heinrich selbstverständlich nicht unkommentiert lassen. Eine Glosse.

Und jetzt auch noch Marx und Klinsi! Nimmt diese erschütternde Rücktrittswelle denn kein Ende? Oder ist das womöglich erst der Anfang? Folgen etwa noch Angela Merkel, Roland Kaiser und, Gott bewahre, gar der Jogi?

Der Rückzug von AKK lässt sich ja verkraften. Weder ist lustig, was sie für Humor hält, noch ihr unbeholfenes Herumrangieren zwischen den CDU-Flügeln. Königin im Fettnäpfchen-Dreisprung mit Anlauf! Auch wenn Annegrets Rücktritt vielleicht das traurige Ende des Saarlandes als Wiege deutscher Politikkarrieren markiert.

Die Vorsitzstühle der Volksparteien und anderer Institutionen sind so wackelig geworden, dass sich viellecht bald keiner mehr traut vorzutreten: Vortreten zum Rücktritt! Deshalb gucken jetzt auch Laschet, Spahn, Merz in die Luft und pfeifen. Oder Andrea Nahles. Ja, ein wenig einfältig, aber wenigstens echt. Schmiss auch hin.

Bleiben denn nur die Harten im Garten? Und wollen wir die in der Politik als Gärtner? Brauchen vielleicht gerade Frauen in Ämtern eine Rücktrittbremse? Margot Käsmann, nach ihrer Promillefahrt trat sie ehrgefühlhalber als Chefevangelische zurück. Wäre das ein Rücktrittsgrund, für, sagen wir mal, einen CSU-Hauptmann?

Aber auch die Männer werden weich: Kardinal Marx, nach dem Dauer-Fegefeuer um den Missbrauchskandal, sagt, er wolle nicht mehr Oberhirte der deutschen Bischöfe sein, den Weg für die Jüngeren frei machen. Ich wusste gar nicht, dass die katholische Kirche ein Potential U80 hat.

Und Klinsmann, bloß weil die Hertha mal wieder das Olympiastadion zur Schießbude macht und mit dem Abstieg ringt – da tritt man doch nicht gleich zurück!

Wo sind die Zeiten, als die Kapitäne auf dem sinkenden Schiff blieben? Sie und ich, wir streichen doch auch nicht gleich die Segel, wenn es stürmisch wird, oder? Und wenn das jeder machen würde, zurücktreten, was dann? Dann wäre der Einzige, der aus Pflichtgefühl im Amt bleibt, wahrscheinlich unser Präsident. Aber allein mit Frank-Walter? Uh, das wäre langweilig.


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 12.02.2020 auf SR 2 KulturRadio.

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