Glosse: Woodstock (welches Woodstock?)

Woodstock (welches Woodstock?)

Eine Glosse zum Thema "50 Jahre Woodstock"

Erik Heinrich   14.08.2019 | 07:25 Uhr

50 Jahre Woodstock - das feiern in diesen Tagen Alt-Hippies, Jung-Hippies, die vielleicht gerne dabei gewesen wären, Musiker, Musikjournalisten... und vielleicht auch Verschwörungstheoretiker...? Klar, Kritiker sagen, dass bei Woodstock auch eine ganze Menge Mythos mit drin steckt. Man kann es aber auch noch kritischer sehen. Findet unser Kolumnist Erik Heinrich.

So, ihr müsst jetzt sehr stark sein, liebe Alt-Hippies. Ja, die Mondlandung fand statt. Die Erde ist keine Scheibe, sondern eine komische riesige Melone. Und Bielefeld gibt es in echt. Aber Woodstock, Woodstock, das ist ein Mythos.

Nicht nur, dass Woodstock nicht ebendort, an Bob Dylans Kur- und Wallfahrtsort stattgefunden haben soll, sondern 70 Kilometer südwestlich. Es fand überhaupt nicht statt. Von den etwa 400.000 Besuchern saßen 200.000 im Stau fest, 100.000 im Schlamm und die restlichen, die Jimi Hendrix oder Janis Joplin zu sehen glaubten, waren randvoll mit Dope und LSD, sollen das belastbare Zeugen sein?

Die Veranstalter machten einen riesen Reibach, aber ohne The Who und Joe Cocker, sondern mit einer Illusion. Wahr hingegen ist, was meine Nachbarin, Frau Hirschfeld, die noch nie an einem Joint gezogen hat, eines schönen Juli-Morgens um 5 Uhr beobachtete, als sie aus dem Küchenfenster schaute: Aus dem kleinen Swimmingpool, der Perle ihres Gartens, erhob sich triefend eine junge Elfe mit gepiercter Nase, schüttelte das nasse Haar und stieg splitternackt aus dem Pool, machte ein paar Yoga-Asanas Richtung Sonnenaufgang und hüpfte durch die Thuja-Hecke davon. Das war 1999 und die arme Frau Hirschfeld hat keine Hallus. Sondern die Festivalbewegung und ihre Gefolgschaft hatte auch unser winziges bis dahin unbescholtenes Örtchen erreicht.

Shiva Moon, das war Hippie Revival, psychodelische Lichteffekte, tolle Stände, spacige Musik, Love and Peace, man! Seither wackeln jedes Jahr im Umkreis von zehn Kilometern die Bäume im Wummwumm-Rhythmus des tumben beats, die Musik hat 1000 Namen wie Goa, Trance, Techno, Acid, klingt aber immer nach dem gleichen Elektro-Mainstream, die Deko hat nachgelassen und die Besucher sind hauptsächlich Bankangestellte, die's mal krachen lassen wollen.

Aber unser kleiner Supermarkt macht die Hälfte vom Jahresumsatz mit den Festivalgästen, die örtliche Feuerwehr bekommt ein Fass Bier und ein Spanferkel vom Veranstalter und die KiTa 'ne neue Rutsche. Deshalb protestiert niemand gegen das Festival, anders als die Anwohner von Woodstock damals, die den Hippie-Auftrieb verhindern konnten, der dann in Bethel stattfand - angeblich.

Inzwischen gibt es in Deutschland hunderte, ach tausende von Festivals aller Art, denn wie sagte schon Bert Brecht: "Was ist es schon, eine Bank zu überfallen, gegen die Gründung … eines Festivals!" Und all das begann mit Woodstock. Ein verdammt gutes Geschäftsmodell, vor allem, wenn man bedenkt, dass es Woodstock niemals gab!


Mehr zum Thema:

Der Musikjournalist Frank Schäfer über 50 Jahre Woodstock
Als die Hippie-Kultur Mainstream wurde
Vom 15. bis zum 17. August 1969 fand auf einem schlammigen Acker im US-Bundesstaat New York das legendäre "Woodstock"-Festival statt. Musikjournalist Frank Schäfer, der ein Buch darüber geschrieben hat, erklärt im SR-Interview, dass mit Woodstock die Geschäftsidee für Festivals im Grünen geboren wurde. Durch das gemischte Publikum sei die Hippie-Kultur Konsens und kommerziell erfolgreich geworden.


Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 14.08.2019 auf SR KulturRadio.

Artikel mit anderen teilen

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja