Glosse: Sei lieb zu deinem Briefträger!

Sei lieb zu deinem Briefträger!

Eine Glosse zum "Postal Worker Day" von Erik Heinrich

Erik Heinrich   01.07.2019 | 06:55 Uhr

Pünktlich zum "Postal Worker Day" am 1. Juli - dem "Tag des Postangestellten" - erhöht die Post in Deutschland das Briefporto auf 80 Cent. Der Briefträger selbst wird wohl nicht viel davon haben. Der Job ist nicht besonders gut bezahlt, obwohl man sich unter permanentem Zeitdruck mit schweren Pakten, grimmigen Hunden und unfreundlichen Leuten hinter den Haustüren rumschlagen muss. Für unseren Kolumnisten Erik Heinrich gehörte der Beruf Briefträger trotzdem lange Zeit zu seinen Traumjobs... Eine Glosse.

Postbote, dachte ich, ziemlich cooler Beruf. Immer on the road, aber immer im selben Kiez, den man wie die Westentasche kennt. So wie die Leutchen, von denen man sehnlich erwartet wird. Wenn man per Fahrrad zustellt, wird man nie dick und hat dank Luft und Sonne immer genug Vitamin D. Liebesbriefe verteilen, Schwätzchen halten, vielleicht die eine oder andere Witwe trösten und dann die Erlebnisse literarisch verwursten, so wie Charles Bukowsky, ja das konnte ich mir vorstellen.

Ich bin dann doch was anderes geworden. Besser ist das, wenn man Frau Kühne fragt. Frau Kühne ist unsere Postbotin. Eine handfeste, freundliche Person mit der relativ intimen Kenntnis von etwa 250 Haushalten und der Bekanntschaft mit etwa 120 Hunden und Kötern. Die alle Frau Kühne lieben, welche niemals den Fehler machen würde, ohne einen großen Vorrat von Leckerchen in der Hosentasche auf Tour zu gehen.

Frau Kühne ist Fachkraft für Briefzustellung, Kurier-, Express- und weitere Postdienstleistungen. Vor allem diese weiteren Dienstleistungen, stöhnt Frau Kühne: Mal ein paar Kubikmeter Werbekataloge verteilen, mal 40kg-Pakete mit Hundefutter anschleppen. Frau Kühne macht das mit stoischer Freundlichkeit. Und hat natürlich, wie alle Kollegen, Rücken. Oder Knie, oder Schulter. Krank werden darf sie aber nicht allzu oft, sonst ist ihr befristeter Arbeitsvertrag in Gefahr. Für Schwätzchen hat sie wenig Zeit. Und als ich frage, ob sie, bei der Hitze, wenigstens eine Klimaanlage im Auto hat, meint sie: „klar!“ und deutet auf die Fensterkurbel, „die klassische Klimaanlage.“ Das schlimmste Problem ist aber, hat sie mir anvertraut, wenn sie mal muss. An den Baum stellen, wie die männlichen Kollegen, kann sie sich schlecht und Kunden fragen ist ihr peinlich.

Sie sehen, man kann seine Postbotin nicht hoch genug schätzen und wenn Sie etwas für sie tun wollen: Trinkgeld ist gut, Toilette anbieten besser!

Ja, wenn die gute alte Post nicht wär, heißt es in dem Klassiker „Postbote Müller“ mit Heinz Rühmann als ebendiesem. Tja, aber bald ist die Post nicht mehr, oder? Was macht eine wie Frau Kühne in 20 Jahren? Ich hoffe, nur noch Liebesbriefe bringen. Denn wer Stil hat, wird auch dann noch Handgeschriebenes Frau Kühne als Liebesbotin anvertrauen.


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