Glosse: Spießig war gestern

"Spießig war gestern"

Eine Glosse von Erik Heinrich zum Tag des Wanderns

Audio: Erik Heinrich. Foto: SR Fernsehen   14.05.2019 | 06:45 Uhr

Am 14. Mai ist der Tag des Wanderns. Und das Wandern ist ja gerade wieder voll im Trend. Meint zumindest unser Kolumnist und "Wander-Hipster" Erik Heinrich.

Es wird nicht alles immer mieser. Zum Beispiel: Wandern, einst ein urspießiges, deutschtümelndes Freizeitvergnügen, wandern ist hip! Hop, schnapp dir den Stock, Wanderlust ist sexy!

Der deutsche Wanderer früher: alberner Eimer-Hut, Wanderstock mit Plaketten von Garmisch, Rothenburg, Goslar und immer bereit, Einheimische über ihre Sehenswürdigkeiten zu belehren.

Der neue deutsche Wandervogel unterscheidet sich grundlegend von den eher unbeliebten Wanderratten, Wanderbaustellen, Wanderheuschrecken, Wanderhoden oder Wanderpokalen – letztere besonders, wenn der Wanderpokal die Meisterschale ist und immer nur in München festsitzt. Sofern nicht nächsten Samstag ein ganz großes Fußballwunder geschieht.

Der deutsche Wanderer und die deutsche Wandererin heute ist funktionsgekleidet, naturverbunden, manchmal hipsterbärtig, neigt zur Selbstfindung, schleppt aber auch zuweilen die ganze Sippe mit und ist in der Regel klimaverträglich. Unangenehm fällt er lediglich auf, wenn er versucht, mit der Familie oder dem Verein mehrstimmig Schuberts „Wandrers Nachtlied“ anzustimmen.

Erinnern Sie sich noch an die Wandertage in der Schule? Da haben wir doch alles gerne gemacht – shoppen, knutschen, rumhängen – bloß nicht: wandern. Schüler heute: geil, morgen Wandertag, wir planen 20 Kilometer cross durch den Pfälzer Wald! Wandern geht wieder!

Der berühmteste deutsche Wanderer, geboren vor genau 200 Jahren, machte sich um die touristische Erschließung Brandenburgs verdient; Theodor Fontanes unsterbliche Zeilen sind Wanderlust pur: „Und an des blühenden Teppichs Saum, all die lachenden Dörfer, ich zähle sie kaum: Linow, Lindow, Rhinow, Glindow, Beetz und Gatow, Dreetz und Flatow, Damme, Bamme, Kriele, Krielow, Petzow, Retzow, Ferch am Schwielow, Zachow, Wachow und Groß-Behnitz, Marquardt-Ütz an Wublitz-Schlänitz und zum Schluss in dem leuchtenden Kranz: Ketzin, Ketzür und Vehlefanz.“

Nur einen kleinen Haken hat die Geschichte: Fontane hasste Wandern, er fuhr fast immer mit der Postkutsche. Damit käme er heute nicht mehr durch!

Mehr zum Tag des Wanderns

Wandern hinterm Horizont
Audio [SR 2, Jochen Marmit, 14.05.2019, Länge: 03:40 Min.]
Wandern hinterm Horizont
Warum beim Wandern nicht mal ein bisschen in die Ferne blicken? Zum Beispiel in den nahen Nordosten Frankreichs? Dafür gibt's ein neues kleines Wanderbüchlein aus dem Bergverlag Rother: "Champagne-Ardennen: Wandern zwischen Belgien, Lothringen, Burgund und Paris". Pünktlich zum Tag des Wanderns ist SR-Reporter Jochen Marmit damit losgestiefelt.

Wandern auf den Spuren von Leo Kornbrust
Audio [SR 2, Katrin Aue, 14.05.2019, Länge: 03:05 Min.]
Wandern auf den Spuren von Leo Kornbrust
Jutta Schneider, die Vorsitzende des Saarländischen Gästeführerverbandes, organisiert am Nachmittag des 14. Mai einen Stadtspaziergang in St. Wendel auf den Spuren des saarländischen Bildhauers Leo Kornbrust. Anlass ist der Tag des Wanderns. SR 2-Moderatorin Katrin Aue wollte mehr darüber wissen.

Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 14.05.2019 auf SR 2 KulturRadio.

Artikel mit anderen teilen