Glosse: Brot!

Brot!

Eine Glosse von Erik Heinrich zum Tag des deutschen Brotes

Audio: Erik Heinrich. Foto: SR Fernsehen   07.05.2019 | 08:55 Uhr

Roggenbrot, Mischbrot, Dinkelbrot, Weißbrot, Mohnbrötchen, Walnussbrot und Laugenstangen ... nirgendwo sonst auf der Welt gibt es eine so große Auswahl an Brotsorten wie in Deutschland. Zum "Tag des deutschen Brotes" hat SR-Kolumnist Erik Heinrich sich Gedanken darüber gemacht, was wohl los wäre, wenn Brote miteinander sprechen könnten...

Es war einmal ein Brot, das war erst ganz frisch gebacken und lag in einer großen Backstube zum Abkühlen. Außen hatte es eine tiefbraune, harte Kruste mit scharfkantigen Ausbünden, innen eine saftige, warme Krume. Was wohl einmal aus mir werden wird, dachte das Brot.

Brot im der Auslage (Foto: Pixabay/teamLumondi )
Ein Brotregal (Foto: Pixabay/teamLumondi)

Schon bald darauf lag es in einem von vielen Regalen, ganz oben links, in einem von Duft erfüllten Bäckerladen. Was gab es da alles für Brote! Das schicke Aronia-Walnuss-Brot neben dem stattlichen Gutsherren-Brot, darunter mehrere Laibe stolze Gott-sei-Dank-Brote und in der Mitte eine Gruppe hochnäsiger Rotkohl-Röstzwiebel-Laiberln.

Ui, sagte unser Brot zu seinem Nachbarn, dem Speckweg-Brot, wie viele es von uns gibt! Tja, sagte Speckweg schneidig, wir sind hier in Deutschland, der Brotnation, da ist ein jeder was Besonderes. Aber du, schau dich doch mal an: langweiliger brauner Rock, schlichte Form - hast du wenigstens ein paar Chia-Samen oder Amaranthkörner eingebacken, oder bist low-carb oder so? Nee, sagte unser Brot traurig, ich glaube, ich bin nur ein Brot. Und es kam sich ziemlich verloren und unscheinbar vor.

Sei nicht betrübt, sagte da eine kratzige Stimme. Sie kam von einem uralten Komissbrot, das wohl schon seit Ewigkeiten, vielleicht bereits seit gestern, hinter einem Schild versteckt lag, auf dem stand: Brot vom Vortag. Du bist ein Roggenbrot, wie es die Menschen seit tausenden von Jahren aus Sauerteig backen und die ganzen Angeber hier bestehen auch nur aus Industriebackmischungen, die die Bäckerei zenternweise geliefert bekommt. Du bist immerhin aus Bio-Roggen gebacken. Und wahrscheinlich ernährungsphysiologisch besser als die ganze Bande hier.

Oh, sagte das Brot erstaunt. Und du kannst noch froh sein, fuhr das alte Komissbrot fort, dass du in einem Bäckerladen zur Welt gekommen bist. Die meisten von uns entstehen in riesigen Fabriken, da werden ihnen Mono- und Diglycerine zugesetzt und Acetate und Sorbinsäure und weiß der Kuckuck noch was. Aha, dachte unser Brot. Brot, erklärte der Alte Kanten, wird von allen Menschen verehrt und kommt in tausend Sprichwörtern vor, es hat große Bedeutung in Religion und Politik, aber heutzutage ist Brot ganz schön auf den Hund gekommen. Kein Wunder, dass Bernd, das bekannteste deutsche Brot, zu Depressionen und Selbstzweifeln neigt. Aber du, du bist in deiner Schlichtheit etwas ganz besonderes.

Sonst noch? fragte die Verkäuferin, einen scharfen Griechen vielleicht? Das Roggenbrot oben, sagte ich. Zu Hause schnitt ich den Kanten ab, der auch Scherz, Renft oder Knäppchen heißt, strich Butter drauf, biss ab. Hm, lecker, Heimat!

Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 07.05.2019 auf SR 2 KulturRadio.

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