Glosse: "Mein Tag des Buches"

"Mein Tag des Buches"

Eine Glosse von Erik Heinrich

Audio & Text: Erik Heinrich. Foto: Martin Breher   23.04.2019 | 08:55 Uhr

"Ohne ein gutes Buch geht es mir schlecht", bekennt SR-Kolumnist Erik Heinrich. In seinem Dorf im heimischen Brandenburg ist er inzwischen der Einzige, der nicht nur einen E-Book-Reader sein eigen nennt, sondern sogar ein ganzes Regal voller "echter" Bücher. Was besonders seine jungen Nachbarn ziemlich erstaunt... Eine Glosse zum Welttag des Buches.

Ohne ein gutes Buch geht es mir schlecht. Ich brauche immer eines, für die schlaflosen Stunden, für die kleinen Fluchten, als smoothie für die Phantasie. Bin ich mit einem guten Buch am Ende, plagt mich der Trennungsschmerz. Ich will es nicht loslassen. Lese sogar noch die langweiligen Danksagungen. Ich bin dann noch nicht bereit für ein neues Buch. Tagelang quäle ich mich, bin ein halber Mensch.

Und dann mache ich mich auf die Suche nach einem neuen Lebensabschnittsbegleitbuch. Weil hier auf dem Dorf der nächste Buchhandel weit ist, suche ich online. Eine Leseprobe hier, eine Literaturkritik da, aber ich bin mäkelig: zu dick, zu dünn, zu schlicht, zu kompliziert, zu exotisch, zu alltäglich.

Ich gehe zu meinem Bücherregal, nehme den Tolstoi in die Hand, nee, Krieg und Frieden, das mir gerade zu fett. Und dann, eines Morgens um vier, wenn die Sehnsucht nach einem neuen Buch übermächtig wird, treffe ich eine Entscheidung und lade es, meistens, als ebook herunter. Für ein paar Tage bin ich glücklich.

Ich lese aber auch noch Papierbücher. Ich bin der letzte im Dorf mit einem Bücherregal. Es ist nicht klein, aber wenn ich sage meine Bibliothek, ist das maßlos übertrieben. Doch wenn die Dorfkinder mein Bücherregal sehen, staunen sie. Ja, sie kennen Bücher aus der Schule; aber daheim im Regal stehen das Gesangbuch und der Ikea-Katalog. Ich glaube manche Kinder erzählen zu Hause: Du Mama, ich glaube der Herr Heinrich ist ein Messi. Wieso? Der hat Massen von Altpapier und Pappe gehortet. Wozu braucht der das? Glaubt er, dass irgendwann Papier knapp wird? Nein, er glaubt, dass er Krieg und Frieden auch irgenwann mal lesen wird, der Narr!

Neulich habe ich einer Gruppe Viertklässler vorgelesen. Wir saßen im Kreis und nach jeder spannenden Stelle ließ ich das Buch von Hand zu Hand gehen und die Kinder die tollen Illustrationen betrachten. Die Kids blühten auf, begeisterten sich. Ein Buch anzufassen und hereinzuschauen ist etwas anderes als Buchstaben auf einem Bildschirm betrachten und etwas ganz anderes als bewegte Bilder an sich vorbeiziehen lassen. Wir sind Anfass-Wesen. Anfassen ist begreifen und das ist mehr als verstehen. Es macht auch was mit dem Gehirn, macht die Neuronen juckig, regt sie zum Vernetzen an. Seit der Videosierung und Digitalisierung sinkt in allen Industrieländern der Gesamt-IQ kontinuierlich. Wir verblöden zu digital naivs.

Daher ist es eine gute Idee, Kindern zum Tag des Buches eines zu schenken. Ich befürchte trotzdem, dass das gedruckte Buch ausstirbt. Aber, hey, in diesem Universum geht Energie niemals verloren. Und ein Buch ist Energie. Und falls es unendlich viele Paralleluniversen gibt, wird in etlichen davon fleißig in Büchern gelesen. Tröstlicher Gedanke. Habe ich aus einem guten Buch.


Mehr zum Thema:

Welttag des Buches
Kinder erhalten Buchgutscheine
Der UNESCO-Welttag des Buches am 23. April soll vor allem Kinder zum Lesen animieren. Er wird seit 1996 in Deutschland gefeiert und geht zurück auf die katalanische Tradition, zum Namenstag des heiligen Georg Rosen und Bücher zu verschenken. Auch im Saarland wird der Tag begangen.

Ein Thema aus der Sendung "Der Morgen" vom 23.04.2019 auf SR 2 KulturRadio .

Artikel mit anderen teilen