Glosse: Mit dem Rad durch Stadt und Land

Mit dem Rad durch Stadt und Land

Eine Glosse von Erik Heinrich

Audio & Text: Erik Heinrich. Foto: Pixabay/Timelynx   09.04.2019 | 07:55 Uhr

Der AdFC kürt am 9. April wieder einmal die fahrradfreundlichste Stadt Deutschlands. Zugleich eine schöne PR-Veranstaltung für Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer. Das findet auch unser Kolumnist Erik Heinrich, der vor den Toren Berlins auf dem platten Land wohnt und erzählt, was da so passiert und nicht passiert.


Ich gestehe, ich hege eine, hm, unfreiwillige Sympathie für unseren Bundesverkehrsandi. Wer sich das traut, sich auf einem Klapp-Ebike so zum Horst zu machen, wie der Herr Scheuer auf einem Pressetermin – Helm ab, Respekt! Mal abgesehen davon, wenn das im Zirkus ein Bär oder Affe macht, fragt man zurecht, ob eine solche Zurschaustellung eines möglicherweise nicht artgerecht gehaltenen Wesens zeitgemäß ist.

Verkehrspolitisch ist es freilich clever vom Scheuer Andi, für Presseshootings zu radeln und zu rollern, während SUV mit seinem Segen weiter ungebremst rasen.

Wie steht's aber jenseits der lustigen Ministerradelei mit dem Zweiradverkehr in Stadt und Land? Also, an unserem Dorf führt eine Landstraße vorbei, deren Ausbau mit Radweg wir uns seit 20 Jahren wünschen, der aber stets als zu teuer abgelehnt wurde, wohingegen ein schöner Kreisverkehr, Kostenpunkt: eine Million, gebaut wurde, mit der Begründung: auch für die Fahrradfahrer sei der Kreisverkehr sicherer.

Geschlauchte Radtouristen kommen oft am Dorf vorbei, manche bitten mit letzter Kraft um ein Glas Wasser. Sie haben schreckliches gesehen und sind breiten Treckern mit riesigen Gülle-Anhängern sowie rasenden Überland-Paketzustellern mit knapper Not entronnen. Und doch herrscht hier noch eine gewisse Radseligkeit, vom Bäuerchen mit quietschendem Fahrradanhänger bis zum topfitten Rennrad-Rentner.

Ganz anders in der 70 Kilometer entfernten schönen Hauptstadt. Entspanntes Radler-Multikulti, das war mal. Heute: Dschungel - vom Eilradboten, der die Verkehrsregeln als unverbindliche Vorschläge sieht, über Horden betrunkener Mietradtouristen bis zum Väterchen auf dem Hollandrad.

Der Verkehrsraum wird immer dichter und enger und demnächst greifen noch elektrifizierte Roller, sogenannte Scheuer-Scooter, teils auf Rad-, teils auf Gehwegen in das Verkehrsgeschehen ein. Man sieht in Prenzlauer Berg bereits erste gepanzerte Kinderwagen, vorsorglich. Plane ich eine Fahrrad-Expedition in die Hauptstadt, rüste ich mich wie ein Ritter auf dem Weg zum Turnier mit Helm, Knieschonern, gepolsterten Handschuhen und auf alle Fälle einem richtig lauten Horn.

Manchmal löst sich das Verkehrsdurcheinander schiedlich friedlich, ich nenne sowas "italienisches Wunder", manchmal bricht aber blitzartig Straßenkrieg aus. Mein Vorschlag zur Förderung von gegenseitigem Verständnis: Perspektivwechsel. Jeder Autofahrer und vor allem LKW-Fahrer muss jährlich eine Pflichtstunde Fahrrad in Stadt und Land absolvieren und jeder Radler in der Fahrschule wenigstens eine Stunde beifahren. Diese Regel sollte auch für Bundesverkehrsminister gelten.


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