Glosse: Tierwohl?

Tierwohl?

Eine Glosse von Erik Heinrich

Audio & Text: Erik Heinrich. Foto: SR Fernsehen   02.04.2019 | 08:45 Uhr

"Ein Tierwohllabel ist nicht mehr als ein Feigenblatt fürs Gewissen", meint SR-Kolumnist Erik Heinrich in seiner Glosse. Er sieht drei Wege zu mehr Tierwohl: Entweder ganz auf Tierprodukte verzichten oder Fleisch nur noch beim regionalen Bauern mit fairen Preisen kaufen oder selbst mit Pfeil und Bogen in den Wald gehen.

Mit den ersten halbwegs lauen Abenden geht es wieder los: Das große Kadaverschmurgeln! Im Rudelverband Teile toter Tiere über CO2-spendender Holzkohle zu bruzzeln und gemeinsam zu verschlingen ist eine von Garmisch bis Eckernförde zelebrierte Kulthandlung, von deren Popularität die Kirche nur träumt. Was auf den Grill kommt, ist dabei ziemlich Wurscht.

Tierwohllabel vom Discounter

Wurscht? Nicht ganz. Ausgerechnet die großen Discounter, Ede, Aldi, Neppo und Co. kümmern sich, und zwar schneller als die Agrarindustrie und deren Hauptlobbyistin, die fesche Julia, und führen das Tierwohllabel ein. Wie lebten die Tiere, deren Stücke jetzt auf dem Teller liegen? Steile These des Handels: der aufgeklärte Verbraucher isst bewusster.

Spielzeug für Schweine

Das Label gibt es in den Klassen 1 – 4. Beispiel Schwein: Eins ist gesetzlicher Mindesstandard, da dürfen die Ferkel noch betäubungslos kastriert werden und jedes Tier hat einen üppigen dreiviertel Quadratmeter Platz. Bei Stufe vier, quasi bio, das ist das Schweineparadies: ein organisches Spielzeug wird gereicht und jedes Tier hat 1,5 Quadratmeter für sich, plus, und jetzt kommt's: einen ganzen halben Quadratmeter Auslauf! Rinder, die Klasse drei gelabelt sind, bei denen wird gelegentlich das Stallfenster geöffnet und frische Luft hereingelassen. Klasse-vier-premium-Rinder, die dürfen sogar mal raus, was die für Kuhaugen machen!

Wir esssen zu viel Fleisch

Es stimmt, wir brauchen ein paar Rinder, wenn wir unsere jahrhundertealte Kulturlandschaft von den Bergalmen bis zu den Nordseemarschen erhalten wollen. Und auch Schweine als Allesfresser sind nützliche Glieder im Nahrungskreislauf. Aber wir brauchen nicht soo viele. Wir esssen zu viel Fleisch, wir exportieren zu viel Fleisch – ohne den Zugewinn mit den delikaten Schweinepfoten, nach denen sich die Chinesen die Finger lecken, käme mancher Schweinebauer nicht mehr in die Gewinnzone. Und wahrscheinlich trinken wir auch zu viel Milch – jeder weiß das, aber nur Greta Thunberg und ein paar andere handeln danach. Ein Tierwohllabel ist nicht mehr als ein Feigenblatt fürs Gewissen.

Ein klima- tierwohl- und gesundheitsgerechter Vorschlag: Fleisch gibt es nur regional bei Bauern, die eine gesunde Mischwirtschaft betreiben und entsprechend bezahlt werden. Jeder, dem das nicht reicht, darf mit Pfeil und Bogen in den Wald gehen und auf Wildschweine oder Rehwild pirschen. Fleisch von einem so erlegten, aufgebrochenen, enthäuteten und zerlegten Tier – das ist dann wirklich ein seltenes, aber ganz großes Fest. Und mal konsequente Paläo-Ernährung.


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"Hätte noch einen Tick ambitionierter sein können"
Mehrere Supermarktketten haben zum April die "Initiative Tierwohl" eingeführt, ein neues Label zur Kennzeichnung von Fleischprodukten. Cornelie Jäger, Autorin und ehemalige Landestierschutzbeauftragte von Baden-Württemberg, begrüßt das neue Label, kritisiert im SR-Interview aber, dass in den ersten Stufen kein besonders großer Unterschied zu den gesetzlichen Regelungen erkennbar sei. Nun komme es auch darauf an, dass "der Verbraucher seine Marktmacht" nutze.

Ein Thema aus der Sendung "Der Morgen" vom 26.03.2019 auf SR 2 KulturRadio .

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