Glosse: Die kleine Raupe Nimmersatt wird 50

Die kleine Raupe Nimmersatt wird 50

Eine Glosse von Erik Heinrich

Audio & Text: Erik Heinrich. Foto: dpa / Gerstenberg Verlag   20.03.2019 | 07:45 Uhr

Wenn Sie Kinder haben, kennen Sie sicherlich die kleine "Raupe Nimmersatt" aus dem Buch von Eric Carle. Die wird jetzt 50 Jahre alt. Und auch wenn sie noch so nervt: Für SR-Kolumnist Erik Heinrich ist sie eine Glosse wert.

Ja, alle Kinder lieben die kleine, harmlose Raupe. Harmlos? Haben Sie die immer fetter werdende, gierige Made mal durch Eltern-Augen betrachtet? Ja, dann wissen Sie ja, dass die lieben Kleinen sich nicht satt hören können an dieser Geschichte, auch wenn Eltern sie schon lange richtig satt haben.

Ich habe sie meinen Kinder sicherlich 100 mal vorgelesen. In meiner Verzweiflung begann ich irgendwann, sie abzuwandeln: Am dritten Tag fraß sich die Raupe durch eine schöne saftige Rote Bete. Oder: dann sprang der Kokon auf und heraus kam eine dicke, fette Kröte. Kinder hassen solche kreativen Variationen. Wenn dann kein wütender Protest kam, konnte ich sicher sein: Puh, das Kind schläft!

Doch meistens, ehrlich gesagt, schlief ich zuerst ein, vor Erschöpfung und Langeweile: Am vierten Tag fraß sich die klei – Huah – ne Raupe … Papa? Papa!

Eric Carle, Schöpfer der Kleinen Raupe Nimmersatt, er sieht so aus wie eine Mischung aus Peter Lustig und der Raupe am sechsten Tag, sagt, er wollte den Kindern eine Hoffnungsbotschaft bringen; eine kleine, hilflose Raupe wird einmal ihre Flügel ausbreiten und elegant davonflattern. Auch Frühpädagogen halten große Stücke auf den kleinen Gierschlund: Iss das Richtige, auch Dicke sind schön, ist die Natur nicht voller Wunder?

Aber Millionen von Kleinkindern, neugierig geworden durch Carles Machwerk, stromten mit Marmeladengläsern bewaffnet durch Gärten und Parks, sperrten hilflose Larven mit Obst ein und wunderten sich, dass die Raupen eingingen. So machte sich Carle schuldig am Elend unzähliger Insekten.

Und dann diese bedenkliche Geschichte: George W. Bush, befragt nach seinem Lieblingsbuch, sagte, das grüne Viech mit der großen Klappe aus dem Bildband mit den kunstvollen Fraßlöchern habe ihn in seiner Kindheit sehr beeinflusst. Nur: Bei Erscheinen des Klassikers war Bush 23 Jahre alt. Der Präsident der USA – ein Kindskopf! Ziemlich einmalig in der Weltgeschichte!

Gut, ich gebe es zu, ich bin ein wenig zu alt, um mit der niedlichen Raupe aufgewachsen zu sein. Vielleicht bin ich nur neidisch, dass es, als ich klein war, noch keinen Kinderbuchhelden gab, der - so wie ich - ein wenig dicklich und doch liebenswert war. Ja, das charmante Kleintier in seiner popartigen Collagewelt hat einen seit Generationen unbezwingbaren Zauber. Und so sei es für die nächsten 50 Jahre, trotz Insektensterben: Friss! Wachse, kleine Raupe! Und flieg auf und davon!

Video [aktueller bericht, 26.03.2019, Länge: 3:16 Min.]
Die Raupe Nimmersatt wird 50 Jahre alt

Ein Thema aus der Sendung "Der Morgen" vom 20.03.2019 auf SR 2 KulturRadio .

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