Glosse: Wer dreht denn da alles an der Uhr?

Wer dreht denn da alles an der Uhr?

Eine Glosse zu den Plänen der EU, die Zeitumstellung abzuschaffen

Erik Heinrich   05.03.2019 | 08:50 Uhr

Der Verkehrsausschuss des EU-Parlaments hat am 4. März eine Vorentscheidung getroffen: Die europaweite Zeitumstellung sommers wie winters soll 2021 abgeschafft werden. Aber in trockenen Tüchern ist das alles noch nicht. Ticken die noch richtig? fragt sich Erik Heinrich in seinem satirischen Kommentar.

Wer hat an der Uhr gedreht? Da war die EU-Kommission einmal so richtig populistisch und ließ das Eurovolk entscheiden, dass die Zeitumstellung abgeschafft werden soll. Aber leider bedachte die Kommission in ihrer Weisheit nicht, dass sich Europa über diverse Längengrade ausbreitet. Dass also zur selben Zeit in Finnland eine andere Zeit als in Portugal ist – also, eine gefühlt andere Zeit.

Hätten wir paneuropamäßig überall Winterzeit, ginge in Spanien die Sonne im Dezember erst um zehn auf. Hätten wir durchweg Winterzeit, klömme die Sonne in Polen im Juni schon gegen drei Uhr über den Horizont. Oder war's umgekehrt? Schon darüber nachzudenken, macht den Eurobürger wuschig.

Die europäischen Länder haben, wen überrascht das - außer der EU-Kommission - ganz unterschiedliche Zeitvorstellungen. Konsequent muss das heißen: weg von der EU-Einheitszeit, jedem Land seine eigene Zeit-Währung!

Was das praktisch bedeutet? An jeder EU-Binnengrenze wären die Uhren umzustellen und die Landeszeit neu zu berechnen – Gehirnjogging für die Europäer! Fliegt ein Geschäftsmann, sagen wir, von Irland nach Griechenland, überquert er dann circa sieben Zeitzonen – Russland hat auch nur elf! Ein Satz, wie jaja, in Bulgarien gehen die Uhren anders, stimmt dann mal richtig.

Als faire EU-Regelung wäre anzustreben: ein Zufallsgenerator, der die Uhrzeiten für die jeweiligen Länder auswürfelt, so dass jedes Land mal mehr Morgensonne, mal mehr Abendlicht hätte. Europa würde zu einem Kontinent, in dem die Sonne nie untergeht. Oder nie aufgeht.

Oder eine Zeitbörse wird eingerichtet. Länder mit mehr Tageslichtzeit verkaufen Kontingente ihrer Zonenzeit an dunklere, reiche Länder wie Schweden. Für Rumänien könnte sich der Zeitexport zu einem Boom entwickeln, insgesamt würde der Binnenmarkt florieren.

Denken wir noch weiter, lösen wir uns von überkommenen Zeitstrukturen! Mit sehr schnellen Fahrzeugen, etwa Lichtgeschwindigkeit, könnten sich die wechselnden Zeitzonen in Europa schneller überschreiten lassen als die Zeit selbst fortschreitet. Das könnte das Raum-Zeit-Kontinuum brechen und Europa würde in unterschiedliche EU-Land-Paralleluniversen aufbrechen. Obwohl: Das haben wir ja eigentlich jetzt schon.


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Nach dem Willen des EU-Verkehrsausschusses soll es ab 2021 Winter- und Sommerzeit nicht mehr geben. Doch selbst wenn die bürokratischen Hürden bis dahin übersprungen werden, könnte die Sache heikel werden, meint Brüssel-Korrespondent Andreas Meyer-Feist: Die dann gültige "Normalzeit" dürfe nämlich jedes Land allein entscheiden.

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Der Morgen" vom 05.03.2019 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

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