Glosse: Tempo!

Tempo!

Eine Glosse von Erik Heinrich

Audio & Text: Erik Heinrich, Fotos: Pixabay (Bru-nO, cenczi)   29.01.2019 | 08:55 Uhr

Auf unseren Autobahnen will die Bundesregierung das Tempo partout nicht ausbremsen. Worüber viele ziemlich verschnupft sind. Tempo? Ist doch auch dieses Papiertaschentuch, in das man seine Nase steckt. Letzteres wird heute 90 Jahre alt. Das hat unseren Kolumnisten Erik Heinrich zu einigen Überlegungen inspiriert... Eine Glosse.

1929 – die Zeiten wurden hektischer, die Räder drehten sich schneller. Da nieste der Zeitgeist und gebar: das Tempo-Taschentuch. Vorbei die Zeit, als Mutti die karierten Stoff-Schneuzlappen plättete und vorbei die Zeit des berüchtigten Malocher-Taschentuchs: Ein Nasenloch zuhalten und feste Druck auf das andere. Von nun ab aber fragte Hinz und Kunz: Haste mal'n Tempo? Schnell wisch und weg, das war die neue, zeitgemäße Devise.

90 Jahre ist das her. Inzwischen wurde Tempo x mal kopiert, aber alle Kopien heißen im Volksmund "Tempo" - das nennt man, Achtung Fachwort, generische Verselbständigung, wie bei Tesa, Tupper oder neudeutsch googeln. Doch das Original ist origineller: ob "sanft und frei", "soft and sensitve" oder "protect" - alle haben die patentierte Z-Faltung, sind in der wiederverschließbaren Tasche und sind, so behauptet Tempo, jetzt Revolution!, waschmaschinenfest. Vorbei also auch die Zeiten des Flusen-Abknibbelns von den Unterhosen.

Zugegeben, waschfest sind meine Tempos, äh, tschuldigung, meine generisch verselbstständigten Papiertaschentücher nicht – ich nehme die ungebleichten aus Altpapier. Iiih! sagte ein Freund, die riechen doch so unangenehm. Er gehört eben zu diesen leidenden Männern, die bei einem Schnupfen rotzend und stöhnend unter einem Berg von Zellstoff versinken.

Beim Naseputzen (Foto: SR)
Hatschi! (Foto: pixabay/cenczi)

Ich sag, wenn du Schnupfen hast, dann riechst du doch gar nichts, aber das ficht ihn nicht an. Ist wohl so ein Markending. In der Stunde größten Leides nimmt der Mann nicht irgend ein Tuch. Und auch meine Weise, Papierrotzfahnen zu benutzen – vier Ecken, vier mal schnäuzen und wenn es wieder trocken ist zum Ofen anmachen benutzen – da rümpfen Mediziner die Nase und schnauben: unhygienisch, selbstinfizierend! Dabei, ich hab's ausprobiert, dauert der Schnupfen genau so lange mit mehrfach wie mit einfach genutzten Tüchern.

Und so werden Tempo und Co. auch weiterhin täglich ein paar Millionen Päckchen pro Tag heraushauen und geschätzt wöchentlich einen Hambacher Forst verwursten.

Bis der Zeitgeist wieder niest und nach Plattenspieler, Kleingärtnern, Briefeschreiben auch wieder das Geblümte oder Karierte aus Baumwolle in Mode kommt.

Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 29.01.2019 auf SR 2 KulturRadio.

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