Glosse: Europa-Familie

Europa-Familie

Eine Glosse von Erik Heinrich

  15.01.2019 | 08:55 Uhr

Bricht nach der Abstimmung über den Brexit-Deal am 15. Januar die ehrwürdige Europa-Familie auseinander - oder finden die Familienmitglieder doch noch einmal zusammen? Kolumnist Erik Heinrich wirft einen Blick auf die vertrackten und doch so vertrauten Verwandtschaftsverhältnisse einer Familie im Zwist. Eine Glosse.

Eigentlich sind wir eine tolle Familie: Bunt, vielfältig, weitverzweigt und immer zu Streit aufgelegt. Die Sache ist, die Familie ist zugleich eine Erbengemeinschaft. Wir haben zusammen eine Villa von Urvater Karl geerbt. Ein ehrwürdiges Gebäude. Aber hier und da bröckelt der Putz, nicht alle Installationen sind modern, anderswo drohen archtitektonisch nicht so gelungene Anbauten abzufallen.

Regelmäßig gibt es große Familientreffen, essen, trinken, diskutieren über die Villa. Letztens hat erst Tante Meredith - sehr schrullig und sehr resolut – angekündigt, sie tritt aus der Erbengemeinschaft aus. Alles klar, sagten die anderen, dann könnt ihr aber auch nicht mehr Urlaub in der Villa machen. Moment, rief Patric, Merediths Ältester, ohne mich, ich will bleiben! Darauf seine Schwester Mary: Aber mich halten keine zehn Pferde in diesem Haus, ich zieh aus, wenn's sein muss Hals über Kopf und ohne Koffer! Und die dritte Schwester, Gwyneth, die diplomatischste aus diesem Zweig: Hey, wir Teilfamilie könnten uns doch noch einmal abstimmen.

Nix da, noch mal abstimmen, bei euch piept's wohl, rief Onkel Costas, ihr habt gesagt ihr geht – da ist die Tür! Onkel Costas ist hart drauf, seit die Familie ihm vor ein paar Jahren unter die Arme greifen musste. Seither spart sich der Ärmste den Ziegenkäse vom Brot ab.

Hey, bitte, Ruhe und Ordnung, rief Tante Frusina, die aktuell den Familienvorsitz hat. Ha, Ordnung, musst du grade sagen, mokierte sich Schwager Francois, bei dir zu Hause der reinste Saustall! Was, giftete Frusina, und bei euch daheim? Deine Kinder sind verwahrlost und laufen in gelben Plastiksäcken ohne Ärmel durch die Straßen!

Beruhigt Euch, raunte Mutti, so kommen wir doch nicht weiter! Richtig, krähte Klaus, mein gut gescheitelter, aber nicht sehr gescheiter Halbbruder, so geht es nicht weiter, meine Frau und ich, wir haben diese verdammte Einheitsfamilie satt und immer gibt es Weißbrot, und immer müssen wir neben Raoul sitzen, der nach Knoblauch riecht - wir steigen auch aus!

Hä, sagte Opa Jean da, ihr habt euch doch gerade für den Familienrat beworben! Genau, keifte Walburga, die Frau von Klaus, wenn wir im Familienrat sitzen, können wir nämlich die Abschaffung vom Familienrat beschließen! Und ihrem Mann Klaus zischte sie zu: Pass auf, Opa Jean wird versuchen dich zu umarmen und zu küssen, Küsschen hier, Küsschen da!

Klaus sprang auf und schrie: Wir gehen jetzt auf unser Zimmer, schließen uns ein und essen nur noch Graubrot, ätsch! Wartet, ich komme mit, rief Grzegorz, ich bringe Wodga mit! Geh nur, murrte Opa Jean, aber dann kannste deinen Trecker aus dem Familienkredit gleich wieder umtauschen gegen deinen alten Ochsenkarren!

Jetzt sitzen wir nur noch mit der Kernfamilie am großen Tisch in der alten Villa. Aber die anderen kommen nach dem Schmollen wieder, kennen wir schon. Mit der Familie kann man nicht. Aber ohne erst recht nicht.


Hintergrund

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