Glosse: Das große Hacken

Das große Hacken

Eine Glosse von Erik Heinrich

  08.01.2019 | 08:55 Uhr

Spätestes seit dem jüngsten Datenklau-Skandal steht für Kolumnist Erik Heinrich fest: "Was wir brauchen, sind soziale Medien, die mit unserem Datengold sozial umgehen. Und wenn das die 'Kraken' nicht tun, müssen ihnen Politiker endlich so auf die Tentakeln hauen, dass es weh tut." Eine Glosse.

Hacke, Spitze, Tor! Da ist ja wieder ein dickes Datenpaket unters Volk gebracht worden. Die persönlichen Daten kritischer Promis wie Jan Böhmermann und die von Politikern außer solchen der AfD. Sollten es rechtsgerichtete Hacker gewesen sein, gälte also der Satz: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

Vielleicht sind die Hacker – oder der Hacker aber auch Alarmsirenen, whistleblower, die zeigen: So easy ist an die Handynummer von Sido, die Schulanschrift von Til Schweigers Kinder ranzukommen. Wobei die Hacker eigentlich keine sind, sondern, achtung neues Wort: Doxer, also Leute, die Dokumente sammeln wie der Vati früher Briefmarken – nur dass dieses Hobby nicht so harmlos ist. Denn, was ist eigentlich mit deiner, meiner und Frau Meiers Anschrift, Handynummer, mailaccount und in welche KiTa gehen unsere Kinder?

Ach, Sie und ich und Frau Meier, was haben wir schon groß zu verheimlichen? Lassen Sie Ihre Fantasie spielen, liebe MitbürgerInnen! Stellen Sie sich vor, Sie stünden nackt im Stadtpark und schreien laut ihre abgründigsten Träume heraus. Interessant für die Nachbarn. Solche virtuellen Nachbarn haben wir bereits. Denn was jetzt veröffentlicht wurde, ist ein Vogelkack gegen die Informationsmassen, die die großen Datenabsauger mit unserer Erlaubnis fortlaufend anhäufen.

Wenn Sie gerne Schokocreme von den Fußsohlen Ihres Partners lecken, sollte Alexa nicht im Schlafzimmer sein. Wenn Sie gerne tiefgründig in der Nase bohren, sollten Sie es nicht im Fokus Ihrer Handykamera tun. Wenn Sie gerne auf Kochseiten surfen, wo Rehkitze zu Filets zerlegt werden, sollten Ihre Verläufe vielleicht nicht in die Hände militanter Tierschützer geraten.

Ersetzen Sie Schokocreme, Popel oder Bambi durch ein kleines Geheimnis Ihrer Wahl. Ach so, vor Google oder Facebook ist Ihnen das nicht peinlich? Aber vielleicht vor Ihren Kindern? Mit eine bisschen Geschick und IT-Knowhow können Ihre Kinder oder Ihr Chef womöglich an solche Daten kommen, wie die Hacker und Doxer an die von Sido und Böhmermann. Zum Beispiel dann, wenn Sie WhatsApp erlauben, auf Ihre Kamera zuzugreifen oder Google maps auf Ihren Standort, oder anderen Applikationen auf Ihre Kontakte.

Robert Habeck will jetzt nicht mehr twittern. Das kommt mir aber so vor, wie nicht mehr Zeitung zu lesen, weil da schlechte Nachrichten drin stehen. Was wir brauchen, sind soziale Medien, die mit unserem Gold, unseren Daten, sozial umgehen. Und wenn das die Kraken nicht tun, müssen ihnen Politiker endlich so auf die Tentakeln hauen, dass es weh tut. Und Sie, Frau Meier und ich müssen uns noch viel besser überlegen, wem wir was anvertrauen.


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