Glosse: Landwut

Landwut

SR 2-Kolumnist Erik Heinrich über Widerstand auf dem Lande

Eine Kolumne von Erik Heinrich. Fotos: Pasquale D'Angiolillo   04.12.2018 | 07:25 Uhr

Frankreich hat seine Gelbwesten - und was haben wir? Wer geht in Deutschland angesichts horrender Spritpreise auf die Straße und macht so richtig Randale? Eigentlich niemand - doch in der ostdeutschen Provinz formiert sich Widerstand. Dort, in der Heimat unseres Kolumnisten Erik Heinrich, wo "öko" noch ein Schimpfwort ist, bricht sich die "Landwut" Bahn... Eine Glosse.

Neulich war großer Besuch im Nachbardorf. Der Bundesverkehrs-Scheuer mit der ganzen Entourage. Mit großem Gewese weihte er einen Sendemast ein. Tagesschau-Thema. Der Sendemast geht nur für Telekom-Kunden. Macht aber nix, denn seit er in Betrieb ist, ist der Empfang im Telekom-Netz schlechter geworden.

Ein Weizenfeld (Foto: pixabay/Pexels)


Die Leutchen auf dem Lande kommen sich verhohnepiepelt vor. Langsam aber sicher entwickelt sich eine ausgewachsene Landwut. Auf wen? Wenn das so einfach wäre. Eigentlich auf alle. Auf die Grünen, na klar. Wobei unter die Grünen eigentlich alle Spaßverderber subsummiert werden, zum Beispiel auch die Naturschutzbehörde, die nicht einmal erlaubt, den eigenen Baum im Garten zu fällen. Und die Regierung und Merkel und die EU. Obwohl die EU ja mit vielen Millionen die Bauern und die ländlche Infrastruktur fördert.

Egal, Bürokraten. Und die Industrie. Die urbanen Eliten, #metoo, die Zuwanderer. Und überhaupt. Es regt sich Protest. Nein, nicht wie bei den Gelbwesten. Der Widerstand ist nicht so offensichtlich, subtiler. Es wird alles das gemacht, was vernünftige Menschen nicht machen sollten.

Grillware (Foto: Pasquale D'Angiolillo)


Die Leute verbrennen komische Dinge in ihren Öfen und Gartenabfälle in Feuerschalen und geben qualmende Rauchzeichen des Protests. Die Männer stehen um das Lagerfeuer und reißen Zoten, um sich zu vergewissern, dass sie noch Kerle sind. Sie essen noch mehr Wurst und Fleisch, so lange sie es noch ungestraft dürfen. Sie kacheln mit Crossmaschinen und Quads durch den Wald und sollte ihnen ein Wolf über den Weg laufen, geben sie Gas. Sie schmeißen ihre Kippen und Müll aus dem Autofenster und wenn sie Zeit haben, jetten sie für 79,00 Euro in irgend eine Stadt, egal welche, Hauptsache billig.

Große Landmaschine (Foto: Pasquale D'Angiolillo)


Hier darf ein Auto noch krachen und stinken, denn es ist der zuverlässigste Kamerad des Menschen, hier wo der Bus nur einmal am Tag hält. Da können sich die Schnöselpiefkes aus der Stadt, heute heißen sie Hipster, mit ihren coiffierten Bärten gerne ereifern. Die sharen E-Mobile und sitzen hip in Startup-Büros mit dem Latte in der Hand, haben einen Therapeuten und fahren im Urlaub E-Bike auf dem Elberadweg.

Aber keine Ahnung, wie entbehrengsreich das Landleben ist. Wenn jetzt auch noch der Sprit teurer werden sollte, wie in Frankreich, dann fliegt hier die Sau!

Manchen Zeitgenossen hier auf dem Lande hat allerdings die Dürre des letzten Sommers zu denken gegeben. Daran waren jedenfalls nicht die Grünen schuld. Das Denken führt zu merkwürdigen Schlüssen. Vielleicht, meinen einige, schützen AfD und Co. die gute alte Heimatumwelt besser. Andere meinen, die Rechten schützen sie vielleicht besser vor dem Klimaschutz.

Eine Kolumne von Erik Heinrich


Eine Sonnenblume (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

Ein Thema aus der Sendung "Der Morgen" vom 04.11.2018 auf SR 2 KulturRadio.

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