Glosse: Wann werdet ihr endlich erwachsen?

Wann werdet ihr endlich erwachsen?

SR 2-Kolumnist Erik Heinrich zum Weltkindertag

Eine Kolumne von Erik Heinrich; Foto: pixabay/natureaddict   20.11.2018 | 08:55 Uhr

Am 20. November ist Weltkindertag. Aber was heißt schon "Kinder"? "Wie lange bleiben Kinder eigentlich Kind?", fragt sich unser Kolumnist Erik Heinrich - so wie manch andere Eltern von eigentlich erwachsenen Kindern... Eine Glosse.

Kinder werden immer älter. Also im Sinne von: später selbständig. Entwicklungsträge. Pubertät, die sich bis Mitte 20 zieht, soll keine Seltenheit mehr sein in unseren westlichen Kulturen.

Wenn sich junge Eltern jetzt freuen: Hurra, dann kommt die Trotzphase ja auch später, mit fünf vielleicht – zu früh gefreut! Es ist mehr so: Kindheit und Jugend deeehnen sich. Warum?

Meiner Meinung nach gibt es zwei Gründe: Erstens, die retardierte Entwicklung ist ein innerer Protest gegen die Optimierung und das auf Karriere bürsten der Kids bereits im Vorschulalter. Zweitens, die großen Städte, Berlin, Hamburg, Leipzig werden für Studierende und Berufsanfänger*innen immer unbewohnbarer, die Mieten unbezahlbarer. Also zieht es die jungen Leute in die Peripherie und siehe da, wie praktisch, da wohnen ja schon die Eltern, die dort vor 30 Jahren herauszogen, damit die Kinder in Landluft aufwachsen.

Und weil es bei den Eltern so gemütlich ist, kann man da eigentlich gleich bleiben bis man selbst eine Familie gründet. Und warum danach ausziehen? Für die Eltern ist es doch auch im Gartenhäuschen in der Grundstücksecke ganz gemütlich, zugleich können sie sich bei der Aufzucht der Enkel nützlich machen. Schön für die alten Leutchen, gebraucht zu werden. Dann brauchen die Jungen bloß noch zu warten, bis sie erben.

Gleichzeitig geht der Trend in dieser irgendwie wackelig gewordenen Welt dazu, sich früh an Partner zu binden. Die Kinder, die bei ihren in der Hippie-Ära aufgewachsenen Eltern kopfschütteln einen Hang zur Vielweiberei und Vielmännerei beobachten mussten; die Kinder, die sich schon in der Grundschule mit U-Porn-Videos auf den Handys gruselten, bleiben oft an der Sicherheit gebenden Jugendliebe kleben.

Hat man zum Beispiel drei Kinder, wie meine beste Freundin, alle drei früh verpartnert, mit Kinderwunsch und ohne Interesse an eigenem Haus, dann braucht man sich keine Sorgen zu machen, dass das Haus auf einmal so groß und so still ist.

Ich bin wirklich kein bereuender Vater. Außer vielleicht in der einen oder anderen dunklen Stunde. Mein Jüngster ist gerade in Übersee. Flieg, Vogel, flieg, denke ich. Aber er hat bereits angekündigt: Global ist klasse, aber Heimat ist doch Mama und Papa. Nach der großen Reise will er erstmal ausgiebig im Elternhaus chillen.

Ausgiebig ist ein dehnbarer Begriff. Übrigens habe ich persönlich das Gefühl, auch die Generation meiner Eltern wird oft von ausgeprägter Spätpubertät befallen. Aber das ist ein Thema für sich...

Eine Kolumne von Erik Heinrich


Hintergrund

Dossier
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Zum internationalen Tag der Kinderrechte dürfen Kinder bei SR.de heute das Zepter in die Hand nehmen. Unter dem Motto "Kids takeover" (deutsch: "Kinder an die Macht") betätigen sich Kinder zwischen 10 und 14 Jahren als Journalisten und schreiben über Themen, die ihnen am Herzen liegen. Die Texte finden sie hier.

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