Glosse: Gefühlt ungerecht!

Gefühlt ungerecht!

SR 2-Kolumnist Erik Heinrich über das Objekt der ARD Themenwoche: Gerechtigkeit

Eine Kolumne von Erik Heinrich / Foto: pixabay/allenlee   13.11.2018 | 08:55 Uhr

Was ist gerecht und was ungerecht? Darum geht es in der aktuellen ARD-Themenwoche. Auch unser Kolumnist Erik Heinrich hat sich seine Gedanken darüber gemacht. Und festgestellt: Vor allem Männer leiden unter einer "gefühlten Ungerechtigkeit", die oft von dem Eindruck herrührt, nicht zureichend geschätzt und geachtet zu werden... Eine Glosse.

Puh, nicht ganz einfach, dem Thema gerecht zu werden. Ich meine, schon Gott der Allmächtige ist kläglich daran gescheitert, eine gerechte Welt zu erschaffen. Oder er hat es geschafft und wir sind bloß einer ihrer Fehlversuche. Wie auch immer.

Offensichtliche Ungerechtigkeiten gibt es auf der Erde mehr als Kröten in Jeff Bezos' Portemonnaie. Die Verteilung von Geld und Ressourcen ist grausam ungerecht, aber auch das Glück ist nie gerecht vergeben. Der eine kommt als Mensch auf die Welt, der andere als armes Schwein. Einer säuft sein Leben lang und wird mit einer Spenderleber 100, der andere stirbt jung und ohne was dazu zu tun.

Persönlich finde ich es ungerecht, dass Menschen um 50 wie ich sich um zwei Generationen von Starrsinnigen kümmern müssen: die pubertierenden Kinder und die eigenen Eltern in ihrer späten Trotzphase.

Dann gibt es die gefühlte Ungerechtigkeit. Ist es gerecht, dass fast alle Medien den fabelhaften Präsidenten Trump mit Schmutz bewerfen, mit gefaketem Schmutz zumal? Dass der arme Herr Seehofer so derMaaßen genasführt wurde, dass er sich jetzt in seinen Modelleisenbahnkeller zurückziehen muss? Dass Bayern München in dieser Saison womöglich nicht die überaus gerechtfertigte Meisterschaft erringt, obwohl der Hummels so edel, der Ribery so sanftmütig und der Robben so schön ist? Da verstehen wir alle, dass Uli Hoeneß, selbst ein Opfer schreiender Ungerechtigkeit, erzürnt mit dem Füßchen aufstampft!

Vor allem Männer leiden unter der gefühlten Ungerechtigkeit. Sie resultiert oft aus dem Gefühl, nicht zureichend geschätzt und geachtet zu werden. Die Menschen in Ostdeutschland empfinden das, nicht weil ihr Lebensstandard noch immer weit unter Westniveau liegt, das wäre zu verschmerzen. Sie sind verletzt, weil Ihre leuchtenden Stars wie Gundermann oder die Puhdys im Westen nicht genug bewundert, der Trabbi nicht genug geliebt, ihre modischen Errungenschaften wie Vokuhila nicht wertgeschätzt werden.

Aus dem tiefen Gefühl von Missachtung bekommt man schon mal die Wut und Lust darauf, die Mutti als Volksverräterin zu beschimpfen oder in Chemnitz Pogromstimmung zu verbreiten. Ungleichheit kann man ertragen, oft ist sie sogar gut.

Frauen und Männer sind nicht gleich, sie sind anders schön und schön anders. Genau wie Wessis und Ossis oder Afghanen und Thüringer. Nur wenn Menschen für gleiche Vergehen ungleich bestraft werden oder für gleiche Leistungen ungleich entlohnt, ist es nicht auszuhalten.

Selbst eingefleischte Ökonomen beginnen das zu begreifen und befassen sich mit den philosophischen Grundlagen der Gerechtigkeit. In dem Sinne, wie es Martin Luther King auf den Punkt brachte: Ungerechtigkeit an einem Ort bedroht die Gerechtigkeit an jedem anderen Ort!

Eine Kolumne von Erik Heinrich


Hintergrund

Die ARD-Themenwoche auf SR 2
Ist das gerecht?
Viele Menschen fühlen sich im Alltag aus unterschiedlichen Gründen ungerecht behandelt. Aber wie wird beurteilt, was gerecht ist und was nicht? Auch SR 2 KulturRadio beleuchtete im Rahmen der ARD-Themenwoche 2018 unterschiedliche Facetten von Gerechtigkeit.


Rund um die Themenwoche
Themenwoche Gerechtigkeit
Gerechtigkeit ist in unserem Alltag ständig ein Thema. Fast jeder stellt sich irgendwann die Frage: "Ist das gerecht?" Und viele fühlen sich aus unterschiedlichen Gründen ungerecht behandelt. Aber wie wird beurteilt, was gerecht ist und was nicht? Die ARD Themenwoche hat sich in diesem Jahr eingehend mit Fragen rund um die Gerechtigkeit beschäftigt.

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