Glosse: Mutti über Bord?

Mutti über Bord?

SR 2-Kolumnist Erik Heinrich über den angekündigten Rückzug von Angela Merkel

Eine Kolumne von Erik Heinrich / Collage: dpa, Henning Kaiser   30.10.2018 | 08:45 Uhr

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am 29. Oktober ihren Rückzug vom CDU-Parteivorsitz angekündigt. Zwar unerwartet, aber nicht überraschend, denn es rumort schon seit langem in der Union. Kolumnist Erik Heinrich sieht in dem nun wohl folgenden Merkel-Nachfolge-Gerangel den Stoff für ein wahrhaftiges Drama. Eine Glosse.

Ein Gespenst geht um in Europa - und um die Welt! Das Gespenst einer Zukunft ohne besonnene Sachlichkeit, ohne unglaubliches Sitzfleisch, ohne Raute und grünen Dreiknopf-Blazer, ohne Beständigkeit, denn wie heißt's so schön im deutschen Weihnachtslied: Die Hoffnung und Beständigkeit gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit.

Die Nebel des Grauens nach Bayern- und Hessenwahl heben sich. Auf der Bühne: Mutti – allein zu Haus. Parteitagsdämmerung. Halloweenstimmung. Wer wird den ersten Stein werfen?

Noch einmal passieren die Protagonisten der letzten Monate und Jahre Revue: Der wirre König aus Bayern torkelt im Horrorclown-Kostüm über die Bühne und quietscht vergnügt: Ich bin der Geist, der stets verneint! Dann erscheint als Hologramm die Twitternachricht des großen Kürbis aus USA: This woman is a pain in my arse – but she's a lame duck now! Dreckiges Lachen wird eingespielt.

Auftritt: Der Gauländer, er schleicht sich auf die Bühne im Jägeranzug mit grimmer Fratze und der Flinte in den Händen: Ist's ein Großwild, ist's eine lahme Ente – gleichviel, ich schieß auf alles und treff stets das System! Da hopst auf die Bretter die Vampirin Andrea, bleckt ihre Eckzähne und zischt: lass dich von mir beißen, Mutti, dann sind wir beide unsterblich und koalieren als Gefährtinnen ewiglich! Vereinzeltes Auflachen im Publikum.

Da richtet sich der Spot von der Bühne unvermittelt auf den Zuschauerraum. Es ist der Parteitag der CDU in Hamburg. Dezember 2018. Nur die ganz Alten erinnern sich dunkel an eine Welt ohne Mutti. Völlige Stille. Man könnte einen Knopf von Muttis Blazer abfallen hören.

Wer wagt's, dröhnt die Stimme des Zombie-Vorsitzenden aus dem Off, ob Rittersmann, ob Spahn, den ersten Stein zu werfen auf die Schlange, die ich an meinem Busen nährte? Noch stiller wäre es jetzt, wenn das möglich wär. Ganz hinten hüstelt ein Deligierter.

No, dann können wir ja wieder zur Sacharbeit übergehen, sagt Mutti gemütlich und lächelt ihr Muttilächeln. Denn, freilich, nach Muttis Verzicht auf den Parteivorsitz wollen viele Kanzler werden statt der Kanzlerin, doch wer zuerst vorprescht, wird's wohl nicht. Es könnte eine Kanzlerindämmerung von Wagnerschem Format werden.

Eine Kolumne von Erik Heinrich


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