Kolumne: Feine Sahne - leicht verdorben

Feine Sahne - leicht verdorben

SR 2-Kolumnist Erik Heinrich über Punkbands, Kunstfreiheit und Proteste

Eine Kolumne von Erik Heinrich / Foto: dpa, Ben Kriemann/Geisler-Fotopress   24.10.2018 | 08:45 Uhr

Viel Kritik gab's an dem Auftritt der Punkband "Feine Sahne Fischfilet" in Chemnitz. Doch SR-Kolumnist Erik Heinrich findet die Aufregung übertrieben: "Bullen dissen, Freiheitliche Deutsche Grundordnung anpissen – das ist doch Punk-Folklore". Ein ängstliches Umknicken vor "Rechts" hält er für viel gefährlicher.

Feine Sahne Fischfilet ist eine Punkband - aus Mecklenburg-Vorpommern. Allein das ist wie Bananen aus Dänemark oder Designermode aus Weißrussland. Punker aus MeckPom, wo der tote Fisch überm Zaun so manchen "national befreiten" Dorfes hängt, das und dazu der Umstand, dass die Fischköppe überdies von ausgerechnet Annegret KK gemocht werden, ist zusammengenommen schon so exotisch, dass die Gruppe als zu würdigendes Kulturgut gelten müsste.

Kontra Kollegah und Ferit Bang

Auch wenn man Punk als Musik nur im weitesten Sinne bezeichnen will, auch wenn sich die Sahne-Texte in ihrer Profanlyrik zum Teil verdächtig nah an die Poesie von Helene Fischer schmiegen. Und auch wenn andere Texte der Punks aus dem Nordosten linksradikal sind und Polizisten in eben diesen nicht gerade als Freund und Helfer wegkommen. Was ist das gegen die bitterbösen Texte von Hitmonster Kollegah und Ferit Bang, bei denen ich nicht umhinkomme, Max Liebermann zu zitieren: Ick kann gar nich' so viel fressen, wie ick kotzen möchte!

Künstlerische Freiheit

Darf da nicht als Ironie im Rahmen künstlerischer Freiheit gelten, Polizisten – Jargon: Bullen – doof zu finden und die Staatsgewalt zu kritisieren, wie's Feine Sahne tun? Bullen dissen, FDGO anpissen – das ist doch Punk-Folklore.

Jetzt die Nummer in Dessau. Da haben sich die wackeren Kulturhüter dort vielleicht gesagt: Bauhaus und Punk, bei beiden Stilen wird auf das Nötigste (oder vielleicht auf das Unnötigste) reduziert. Das passt doch. Doch dann haben sie Muffensausen bekommen.

Lob für Steinmeier und Maas

Es ist ja nicht das erste Mal, dass ein Auftritt von Feine Sahne abgesagt wird aus Sorge vor rechten Protesten und aus Angst, Neonazis könnten das Konzert aufmischen. Und die Angst ist genau das Problem. Ein Umknicken vor Rechts, weil es unbequem werden könnte, weil die Sicherheit in Gefahr ist – das geht gar nicht. Und deshalb ist der Zuspruch von Bundespräsident Steinmeier, von Halblinksaußen Maas – auch wenn die Band sich damit unbehaglich uncool fühlt – richtig und wertvoll. Und auch, dass das Anhaltische Theater dortselbst die Auftrittabsage abgesagt hat.

Nur, mal umgekehrter Fall: Eine umstrittene eher rechte, oder jedenfalls von rechtsorientierten Fans verehrte Band wie Freiwild soll in Dessau auftreten und linksradikale Gruppen rufen zu Prostest und Randale auf, was ich an einer kleinen, düsteren Stelle meiner Seele durchaus begrüßenswert fände. Würde ich dann das Auftrittsrecht der Band im Namen der Freiheit verteidigen? - Es bleibt kompliziert.

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