Glosse: Last Öko

Last Öko

SR 2-Kolumnist Erik Heinrich über Umweltschutz im Alltag

Eine Kolumne von Erik Heinrich   09.10.2018 | 08:45 Uhr

Höchstens 1,5 Grad Celsius darf die Erderwärmung im Durchschnitt noch zunehmen - sonst drohen verheerende Folgen. Sagt der Weltklimarat. Und unser Kolumnist Erik Heinrich? Der hat seine eigenen Ziele schon lange gesteckt. Was aber nicht heißt, dass bei ihm nicht eine gewisse Resignation mitschwingt... Eine Glosse.

Weißt du, sinniert Frank, mein begüterter Freund, nach dieser ganzen verlogenen Diesel-Affäre hatte ich einfach die Nase voll und deshalb den neuen Tesla gekauft. Tolle Sache, laden kannste den, wo immer Du grade bist. Natürlich war das 'ne Anschaffung, die den Familienhaushalt belastet und solidarisch beschloss die Familie, in diesem Jahr nicht gemeinsam mit den Kindern nach Florida zum Golfen zu fliegen, erzählt er und dreht ein halbes dutzend Tesla-Reifen-große Steaks auf dem Grill um.

Mit dem Fleisch habe ich immer dieses komische Party-Dejá-Vu. Ich esse Nudelsalat und Ralf oder Svenja oder Meike fragt, isst du kein Fleisch? Und ich sage, nee, seit ungefähr 30 Jahren nicht. Tierquälerei, Klima, Welternährung. Und dann sagt Ralf, Svenja oder Meike seit 30 Jahren: Also, ich esse nur noch ganz wenig Fleisch. Und seit 30 Jahren wird auf diesen Partys mit Ralf, Svenja und Meike etwa ein halbes Schwein verputzt.

Ich verstehe das alles nicht. In der Schule, in der 12. Klasse, setzten unsere 68er Lehrer die Hoffnung in uns, die Jugend, und machten uns mit dem Club of Rome bekannt, Grenzen des Wachstums. Ich habe versucht, das in meiner Familie umzusetzen. Die Kinder haben mich manchmal "Öko-Nazi" genannt, wenn ich ihnen vorrechnete, was es für das Klima bedeutet, wenn Papa statt Schulbus die Kinder fährt. Meine Frau hieß mich Spaßverderber und Moralist, wenn ich meinte, man könne auch mit der Bahn nach Rom fahren, statt mit Easy Jet zu fliegen.

Heute glaube ich, dass eher ein AfDler und eine Linke ein Paar sein könnten als ein Altöko und ein Klimaschwein. Bin ich etwa der "Last Öko standing", frage ich mich, während ich versonnen die Klebestreifen von den Kartons für die Altpapiertonne knibbel? Ist es so weit mit mir gekommen, bloß weil ich kein Fleisch esse und wenig fliege? Und weil ich mich klammheimlich freue, dass es gewiss ein graubärtiger Müsli ist, der in einem Berliner Bauordnungsamt sitzt und immer wieder mit Mäkeleien an der Brandschutzanlage dafür sorgt, dass sich der Berliner Airport um Jahrzehnte verzögert? Da hätte sich der Marsch durch die Institutionen mal gelohnt!

Ist Olaf mit seiner Peter-Lustig-Hose und seinem 74er Volvo, der aussieht wie ein rollender Überseecontainer, mein letzter Freund? Der Bio-Supermarkt meine letzte Zufluchtstätte?

Es ist einsam geworden in meinem Ökokuckucksheim. Aber gerade, als ich Lust bekam, mit einem qualmenden SUV um die Ecke zum Imbiss zu fahren und eine XXL-Currywurst zu bestellen, ereilte mich Kunde vom Hambacher Forst.


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