Glosse: Von Lauchs und Alphas

Von Lauchs und Alphas

SR 2-Kolumnist Erik Heinrich über das aktuelle Buch von Rapper Kollegah

Eine Kolumne von Erik Heinrich   02.10.2018 | 08:25 Uhr

Der Düsseldorfer Rapper Kollegah hat gerade ein Buch vorgelegt, in dem er beschreibt, wie man vom "Lauch" zum "Alpha" wird. Für Nichtkenner der Szene-Sprache: Ein "Lauch" ist in Kollegahs Kreisen offenbar ein schwacher, sensibler Mensch - und ein "Alpha" ist der muskelbepackte Kampf-Rapper, vor dem alle anderen kuschen. SR 2-Kolumnist Erik Heinrich hat schon in "DAS IST ALPHA!: Die 10 Boss-Gebote" geblättert.

Also, dieser gepflegt und adrett aussehende nicht mehr ganz junge Mann, der mit gut geputzten Zähnen in die Welt strahlt und mit dem leicht niederrheinischem Einschlag in der sonoren Stimme wie der bürgerliche Bruder von Campino rüberkommt, ist aber der krasseste Gangsta-Rapper, also der geposed übelste Dude im deutschsprachigen Raum, nämlich: Kollegah.

Kurz erinnert...
Die Rapper Kollegah und Farid Bang hatten im April 2018 für wochenlange Aufregung in den Feuilletons gesorgt: Nach der Auszeichnung mit dem ECHO für ihren Millionen-Umsatz gaben etliche frühere Preisträger ihre Trophäen unter Protest zurück. Hintergrund sind die oft schwulen- und frauenfeindlichen oder politisch schwer zu ertragenden Texte der beiden Musiker. Daraufhin beschlossen die ECHO-Organisatoren, dass es den traditionsreichen Preis mit den bis dato gültigen Auszeichnungskriterien nicht mehr geben wird.

Sein, erklärt wiki trocken, " 'Porno- und Gangsta-Rap' setzt auf kalkulierte Grenzüberschreitungen, Provokationen und Tabubrüche, die als Teil seiner Marketingstrategie gelten". Diese Tabubrüche, die ein Muss sind, will man einst böse Buben wie Bushido oder Sido überflügeln, haben ihm Platin ohne Ende eingebracht und, zusammen mit Schnellsprech-Kollege Farid Bang mehr gleichzeitig gelistete Tracks in den deutschen Charts als den Schlagertanten Andrea Berg und Helene Fischer jemals: 84!

Die Tabubrüche, als da wären: Schwulenhass, Frauenverachtung, politisch unfassbar dumpfe Statements sind allesamt natürlich nur Satire und Teil des Kunstform Battle-Rap, also quasi intellektuelles Wrestling – wo nicht wirklich geprügelt wird, sondern mit Sprüchen posiert, die ja nicht in echt verletzen. Das wilde Gequatsche, dazu der aufpepumpte Bizeps und gut definierte Brustmuskeln, im Protein-Shaker zusammengemischt mit brachialen Beats und einer kindlichen Rocky-sei-hart-und-mach-dein-Ding-Philosophie funktionieren bei den Fans wie die Flöte beim Rattenfänger.

Inzwischen hat Kollegah offenbar, wie einer von uns "Pressepussys" so nett sagte, ein paar Runden zu viel auf dem Chemtrail-Express gedreht, sprich etwas zu gierig von der Droge Verschwörungswahn genascht. Dazu womöglich noch andere anabolische, diabolische und oder Brägen-verstrahlende Substanzen. Man hört ihn von jüdischer Weltverschwörung faseln, von Satan, von Illuminaten, er bestreitet die Evolutionstheorie.

Das macht mir nicht so richtig Sorgen, Irre gab es, gibt es, wird es geben. Sorgen machen mir die Millionen, die es kaufen, nachquatschen, abnicken. Und ein Zeitgeist nebst virtuellen Medien, die es ermöglichen, dass der faschistoide Wahnwitz, als Ironie angepinselt, vieltausendfach im Netz widerhallt und als Todernst bei der willfährigen Gefolgschaft ankommt.

Salat lässt den Bizeps schrumpfen? Mag sein Kollegah, aber was immer du genommen hast, verursacht Hirnschrumpfen. Das einzige, was mich als "Lauch" und "Pressepussy" beruhigt, ist die alte Erfahrungstatsache: Wenn einer wie Kollegah ein Buch veröffentlicht, sicheres Zeichen: Es geht bergab mit ihm.

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