Kolumne: Ein Lob der Organspende!

Ein Lob der Organspende!

SR 2-Kolumnist Erik Heinrich über den Vorschlang zur "Widerspruchslösung" von Gesundheitsminister Jens Spahn

Eine Kolumne von Erik Heinrich   04.09.2018 | 08:50 Uhr

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn setzt sich in Sachen Organspende für eine Widerspruchslösung ein. Damit würde jeder automatisch zum Spender, sofern er nicht zeitlebens ausdrücklich widersprochen hat. Ein gute Sache sei das, findet unser Kolumnist Erik Heinrich, auch fürs eigene Gewissen.

Wenn auf der Landstraße oder Autobahn ein Kraft- oder Kradfahrer wie von Sinnen an uns vorbei rast, seufzen wir, schütteln den Kopf: Wieder so ein Organspender! So wie Mike K., 27, der an einem Samstag morgen auf der A1 kurz vor Leitzweiler die Kontrolle über seine 1100er verliert und sich an der Leitplanke außer einer Vielzahl von Knochen das Genick bricht. Die Augen sind aber unversehrt. Nina L. In Oberhausen wartet auf ein gutes Paar Augen. Auch Mike K.s Herz tickt noch einwandfrei. Hubert R. in Mannheim wartet dringend auf ein neues Herz. Und ein Lungenflügel von Mike ist noch wie neu. Rolf O, Duderstadt, wartet verzweifelt auf eine Spenderlunge.

Aber Mike K. hatte leider, leider keinen Organspenderausweis und nimmt den einzigen Schatz, über den er außer seiner 1100er verfügte, mit in die Urne. Was für eine traurige und sinnlose Vergeudung von – hier darf man, denke ich, das fiese Wort gebrauchen: Humankapital!

Nina L., Hubert R., Rolf O. warten weiter. Sie warten um ihr Leben. Angesichts von nicht einmal tausend Spendern bundesweit im vergangenen Jahr und mehr als zehn mal so viel Wartenden hat Bundeskranklandminister Spahn angestoßen, mal wieder die Widerspruchslösung zu debattieren.

Ui, rufen Freiheitsverteidiger, wo bleibt da die Selbstbestimmung? Ein klinisch Toter, ein Gewesener, soll aus dem Jenseits bestimmen über den Verbleib seiner sterblichen Hülle? Aus welchen Gründen? Religiöse? Über die Hälfte der Deutschen glaubt nicht an eine überirdische Macht. Hat die Hälfte aller Deutschen einen Spenderausweis?

Davon ab: Weder in der Bibel noch im Koran steht: Du sollst Deine Organe nicht Deinem Nächsten spenden. Nimmt man Nächstenliebe ernst, ist die Spende sogar ein Gebot. Und für alle Nicht-Religiösen: ein Gebot von Anstand und Solidarität. Ist denn die Organentnahme bei einem Menschen, der zu Lebzeiten verschnarcht hat, einen Widerspruch zu formulieren, ein Eingriff in die Freiheit? Ja, isses. Aber seine Organe nicht zu spenden, erfüllt in meinen Augen den Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung und der wiegt schwerer.

Und andererseits: Ist es nicht ein schöner Gedanke, die Augen letztmalig zuzumachen und, egal wie vermurkst mein Leben auch gewesen sein mag, zu wissen: Nina L., Hubert R., Rolf O., können leben!

Ein Thema aus der Sendung "Der Morgen" vom 04.09.2018 auf SR 2 KulturRadio.


Die Meinung:

Kommentar: "Wir brauchen eine Regelung"
Audio [SR 2, Frank Wahlig (SWR), 04.09.2018, Länge: 02:22 Min.]
Kommentar: "Wir brauchen eine Regelung"
SWR-Redakteur Frank Wahlig sieht den Vorstoß von Gesundheitsminister Jens Spahn, die Diskussion über eine "Widerspruchslösung" zur Organspende in Gang zu bringen, mit gemischten Gefühlen. "Das ist zu wenig", meint Wahlig. Denn nicht die x-te politische Debatte sei nötig, sondern endlich Taten - und zwar "erst gesetzgeberisch, dann medizinisch". Immerhin warteten in Deutschland zehntausende von Patienten auf ein Spenderorgan. Damit koste das schon jahrelang anhaltende Zögern und Zaudern der Großen Koalition eben auch Menschenleben. "Wir brauchen eine Regelung", fordert Wahlig. "Wenn diese Koalition dazu nicht in der Lage ist, dann soll das gesamte Parlament darüber befinden - jenseits der Parteigrenzen." Ein Kommentar.


Mehr zum Thema:

Organspende-Empfänger Jörg Metzinger
"Ich wusste, dass ich schlechte Karten hatte"
Obwohl sich die Mehrheit der Deutschen im Umfragen stets für die Organspende ausspricht, hat die Zahl der tatsächlichen Spender in Deutschland 2017 einen neuen Tiefpunkt erreicht. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) gab es nur noch 797 Transplantationsfälle - nochmal 60 weniger als im Vorjahr. Im Juli 2018 hatte der Saarbrücker Pfarrer Jörg Metzinger das Glück, eins der seltenen Spenderherzen zu bekommen - nach 424 Tagen auf der "Hochdringlichkeitsliste". Aus der Reha war er bereit, mit SR 2-Reporter Peter König über seine Erfahrungen zu sprechen.

Organspende
Diskussion um Spahns Widerspruchslösung
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will bei der Organspende von der Entscheidungslösung zur Widerspruchslösung. Das bedeutet, Bürger müssten aktiv einer Organspende widersprechen. Ralf Ketter von der Uniklinik Saar begrüßt diesen Vorschlag, Klaus Schmitt vom Infoteam Organspende Saar steht der Widerspruchslösung kritisch gegenüber.

HörStoff: "Des einen Freud..."
Über das Spenden und Empfangen von Organen
Wenn ein lebenswichtiges Organ versagt, kann eine Transplantation die letzte Rettung sein. In Dagmar Scholles HörStoff-Reportage zum "Tag der Organspende" in Saarbrücken ging es um das Spenden, Verteilen und Empfangen von Organen. Und das funktioniert nicht immer problemlos...

Dossier
Organspende und Organtransplantation
Am 2. Juni 2018 hat in Saarbrücken der von der Deutschen Stiftung Organspende (DSO) veranstaltete Tag der Organspende stattgefunden. Er gab Interessierten und auch Betroffenen die Gelegenheit, sich über alles rund um Organspende und -Transplantation zu informieren.

Wie läuft eine Organspende ab?
Der Weg vom Hirntod bis zur endgültigen Organtransplantation
Seit 36 Jahren tourt der "Tag der Organspende" durch die Bundesländer. Trotzdem liegen die Spenderzahlen in Deutschland auf niedrigem Niveau. 56 Organe wurden im vergangenen Jahr im Transplantationszentrum der Uniklinik Homburg verpflanzt. SR 2-Reporterin Dagmar Scholle hat sich die Abläufe und Strukturen bei der Übertragung von Organen angeschaut.

Artikel mit anderen teilen