Glosse: Mehr Licht!

Mehr Licht!

SR 2-Kolumnist Erik Heinrich über Autofahren ohne Abblendlicht

Eine Kolumne von Erik Heinrich   07.08.2018 | 08:45 Uhr

SR 2-Kolumnist Erik Heinrich sähe es lieber, wenn auch in Deutschland tagsüber eine ständige Abblendlicht-Pflicht für Autofahrer bestünde. In seiner Glosse rechnet er mit den "trotzigen Vertretern Dunkeldeutschlands" ab - und das ist keineswegs politisch gemeint.

Wir leben in einer zwei-Klassen-Gesellschaft. Die einen haben Autos mit Klimaanlagen, die anderen fahren in Brutkästen herum. Finnische Sauna ist sehr gesund. Für etwa zehn Minuten. Aber nicht von Saarbrücken bis Kroatien.

Wer Klimaanlage im Auto hat, auf den wartet allerdings der geballte Klimaschock beim Aussteigen. Und wer einmal die kleine Klimakatastrophe bei Ausfall der Anlage im ICE erlebt hat, weiß: Nicht Autofahren ist auch keine Alternative.

Nicht Autofahren kommt für uns Deutsche eh nicht in Frage. Auch wenn schon Kraftwerke abgeschaltet werden, die Vögel vom Himmel taumeln und sich der Autobahnbelag wellt – Gerade jetzt, wo's kriselt in unserer armen Autoindustrie, klemmt sich besonders die Generation, die Wolfsburg, Rüsselsheim und Ingolstadt groß gemacht hat, verbissen hinters Lenkrad, halb dehydriert, halb hyperventilierend und rollt und rollt. Und zwar so, wie schon ihre Väter: ohne Licht. Das spart schließlich Strom und damit Sprit, mindestens 0,1 Liter auf 100 Kilometer.

Und so sieht man die entgegenkommenden silbergrauen und mattblauen PKW, die sich aus dem Schlagschatten der Alleen oder aus düsteren Gewitterwolken schälen, erst spät. Manchmal zu spät. Viele haben ja wenigstens schon Tagfahrlicht. Aber viele fahren wie trotzige Vertreter Dunkeldeutschlands.

Wenn mein Sohn bei mir im Auto beifährt, raunzt er: Alter, das ist das Alter, langsam entwickelst du Marotten! Und richtig, ich kämpfe, allein und aussichtslos, meinen Kampf gegen die Mächte der Finsternis und blende unverdrossen auf, bei jedem Fahrer, der mir abblendlichtlos entgegen kommt.

Die Reaktionen sind immer freundlich. Manche nicken mir erfreut zu, denn sie halten mich für einen Bekannten, andere winken fröhlich, weil sie in mir den sozialen Zeitgenossen sehen, der sie vor einem Blitzer warnen will. Aber noch nie, nicht einmal, ist einer auf die Idee gekommen: Der blendet auf? Hm, bin ich vielleicht schlecht zu sehen? Da mache ich doch mal das Licht an!

Allenfalls sehe ich im Rückspiegel die Bremslichter aufflackern von irritierten Fahrer*innen, die wohl denken: Ist vielleicht mein Reifen platt oder der Dachkoffer fliegt gleich weg? Ach, wenn euch doch ein Licht aufginge, murmele ich dann senil vor mich hin, oder den Politikern dieses Landes und sie so fortschrittlich wären wie in Bosnien-Herzogowina, oder vielen anderen Ländern Europas, von der Schweiz bis Polen, wo schon lange auch bei Tag gilt: Mehr Licht!

Über dieses Thema wurde auch in der Sendung "Der Morgen" vom 07.08.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

Artikel mit anderen teilen