Glosse: Özil und wie wir ihn gerne gehabt hätten

Özil und wie wir ihn gerne gehabt hätten

SR 2-Kolumnist Erik Heinrich über den Rücktritt von Fußball-Nationalspieler Mesut Özil

Eine Kolumne von Erik Heinrich   24.07.2018 | 08:50 Uhr

Mezut Özil will nicht mehr in der deutschen "Mannschaft" spielen. Der Gelsenkirchener mit türkischen Wurzeln sieht sich als Opfer von Rassismus, seit er sich mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan fotografieren ließ - und monatelang dazu schwieg. SR 2-Kolumnist Erik Heinrich fragt: Wie muss der deutsche Nationalspieler denn überhaupt aussehen, damit wir ihn lieben? Eine Kolumne.

Mezut Özil, der ohnehin immer ein wenig traurig und verloren aussieht, hat jetzt, trotz längerem Nachdenken, trotzig und wurstig auf die Diskussion um ihn, Erdogan und das Team reagiert. Ein Satz von ihm gab mir zu denken: "In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren."

Falls das so stimmt, frage ich mich: Sind wir nicht alle ein bisschen grindel? Also ein bisschen bigott? Özils Kniefall vor dem irren Sultan – hätte da noch ein Hahn nach gekräht, wenn er im Halbfinale das entscheidende Elfmeter-Tor gegen England geschossen hätte?

Wie wollten wir denn "unseren" Özil? Wollten wir einen, der gleichmäßiger seine Topform abruft und Zauberpässe kickt? Oder wollten wir einen, der devoter ist und dankbarer dafür, dass er in Gelsenkirchen auf der Gesamtschule die Mittlere Reife machen durfte? Oder einen, der besser integriert ist und angepasster und unsere sehr schöne Nationalhymne inbrünstig singt? Aber um Himmels willen nur die dritte Strophe, die erste wäre doch ein wenig zu viel Anpassung! Oder hätten wir ihm schlechte Tage besser verziehen, wenn er nicht den Speichel "seines" Präsidenten geleckt hätte, oder wenigstens den des richtigen Präsidenten, also unseres freiheitlich demokratischen Bundes-Steinis? Hätten wir ihm Fehlpässe weniger verübelt, wenn er wenigstens einen deutschen Nachnamen trüge, vielleicht Mezud Scholl?

Und überhaupt, wie viele Vereine bräuchten wir, um uns mit unserem Heimatprodukt Fußball richtig identifizieren zu können? Für das Nationalgefühl einen lokalen, der vielleicht mäßig spielt, in dem aber alle Spieler entweder Schulz heißen oder in vierter Generation in Deutschland siedeln? Für das Fußballherz einen überregionalen Verein, etwa Bayern München, der zwar merkwürdigen regionalen Gebräuchen und Gebräuen frönt, aber neben eingekauften Spitzenspielern aus Polen oder Kolumbien auch noch die besten in heimischer Jugendvereinsarbeit gezüchteten Kicker beschäftigt? Und schließlich für den sportlichen Ehrgeiz das Nationalteam – wenn wir das siegen sehen wollen, kann es nicht vom Gauweiler zusammengestellt sein. Siegen geht heuer nur mit Toleranz gegenüber Spielern, deren Eltern aus Marokko, Kamerun oder Usbekistan nach Deutschland kamen.

Für mich geht ein Müller-Koslowski-Büyüktürk-Team schon klar, Hauptsache Mannschaftsgeist. Damit meine ich: stark im Erfolg, aber vor allem solidarisch in der Niederlage. So was wie elf Freunde eben. Aber da träume ich wohl.


Mehr zum Thema:

Interview mit Imran Ayata zum Fall Özil
"Mehr Zwanziger, weniger Grindel!"
Nach dem angekündigten Rücktritt von Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft spricht der Autor Imran Ayata im SR 2-Interview über die Fehler auf beiden Seiten. Er meint, dass sich die deutsche Gesellschaft zu wenig mit dem Thema Rassismus beschäftige und fordert vom DFB den Weg zurück zur Ära Zwanziger. Außerdem ist Ayata der Meinung, dass die Identitätsfrage der Fußballer sich in Richtung Clubs verschoben habe.

Sportjournalist Jens Weirich
"Unter Zwanziger als Präsident wäre sowas nicht passiert"
Der Sportjournalist Jens Weirich ist davon überzeugt, dass der Fall Özil zumindest DFB-Chef Reinhard Grindel "davonfegen" wird. Auch DFB-Manager Oliver Bierhoff und sogar Bundestrainer Joachim Löw könnten am Ende ihre Posten verlieren - so stark sei die Wucht der ganzen Geschichte. Ein SR 2-Interview.

Politik & Sport
Mesut Özil tritt zurück - und nach
Nach monatelangem Schweigen hat Mesut Özil, die bisherige Nummer 10 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, am 22. Juli seinen Rücktritt aus dem deutschen Team erklärt. In einer Online-Botschaft warf er DFB-Chef Reinhard Grindel Inkompetenz, Rassismus und mangelnden Respekt vor seinen türkischen Wurzeln vor. Außerdem übte der Erdogan-Anhänger Kritik an Medien und DFB-Sponsoren. Für ARD-Sportreporterin Julia Büchler sollte der Fall Özil "uns schon alle auch zum Nachdenken bringen".

tagesschau.de
Ehrenhaft, naiv oder ein Alarmzeichen?
Als Alarmzeichen sieht Justizministerin Katarina Barley (SPD) den Rückzug Mesut Özils aus der Nationalelf. Aus der CDU kommen kritische Stimmen. Warme Worte für den "Bruder Özil" findet der Sportminister - allerdings der türkische.

Über dieses Thema wurde auch in der Sendung "Der Morgen" vom 24.07.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

Artikel mit anderen teilen