Glosse: "Der Horst"

Der Horst

SR 2-Kolumnist Erik Heinrich über Innenminister Horst Seehofer

Eine Glosse von Erik Heinrich   03.07.2018 | 08:50 Uhr

Wer ist eigentlich Schuld an diesem ganzen Desaster in der Union? Das ist die Frage, die im Moment wahrscheinlich am meisten polarisiert - mehr als der eigentliche Inhalt des Streits um die Zurückweisung von Flüchtlingen. Für unseren Kolumnisten ist die Sache klar: Der Horst ist Schuld. Wegen seiner Biografie und seines Namens... Eine Glosse.

Wir müssen mal über den Horst reden. Der war ja nicht immer ein Problembär und es ward ihm nicht an der Wiege gesungen, dass er einmal vielleicht eine Regierung sprengen und Europa ins Wanken bringen würde.

1949, nach dem Krieg, da hatte man nicht viel, da reichte es nur für Horst – ein Name wie trocken Brot. Von seinen drei Geschwistern war es vor allem der Dieter, der kurz nach ihm kam und ihn stets piesackte. Dieter warf die Vase herunter, aber Horst bekam von Mutti die Schelte und wahrscheinlich auch die Schelle. So war es das Entthronungstrauma des älteren Bruders, das den Horst früh und tief prägte.

So wie die Knabenrealschule in Ingolstadt, an der er sich unter Flüchtlingskindern aus dem fernen Sudetenland behaupten musste. "Langer Lulatsch" nannten sie den dürren Bub mit den Oberwasserhosen und rissen Scherze: "Wohin fliegt der schwule Adler? - Nach Hause zu seinem Horst!" Über Schwulenfeindliche Witze lacht heute keiner mehr, aber damals machte so etwas dem Horst zu schaffen. Vermutlich lag es an den Hänseleien, dass er in Mathe immer lausig war, ganz anders als seine spätere Chefin Frau Merkel.

Als viele Jahre später der Name Horst zum Synonym für tollpatschiges Verhalten wurde, "sich zum Horst machen", "du Vollhorst!", muss das alte Wunden bei unserem Horst aufgerissen haben.

Und doch biss sich der Horst durch. Manchmal renitent. Die Lehrer bezeichneten ihn als Rüpel. War damals schon CSU-Legende F.J. Strauß des Horsten politisches Vorbild? Einiges spricht dafür. Gemeinsamkeiten wie eine ausgeprägte Disharmoniebedürftigkeit und die Sympathie für Diktatoren und Autokraten, der eine für Pinochet, der andere für Orban. Allerdings war Strauß Pilot, Horst ist Modelleisenbahner.

Sind es möglicherweise Minderwertigkeitskomplexe, die den Horst dazu brachten, jahrelang eine Art Zweitehe zu führen und immer wieder wider den Stachel zu löcken, auch wenn er sich dabei politisch auf Nebengleise manövriert?

Wir ahnen, was vorgehen muss in der Gefühlswelt des ehemaligen Verwaltungsinspektors, der es bis zum König von Bayern brachte – genau das heillose Durcheinander, das er nach außen zeigt.

Dem Horst steht jetzt eine schwere Zeit bevor. Wichtig ist, dass er mit dem absehbaren Ende seines politischen Lebens nicht in ein Loch fällt, sondern mit Liebe, Verständnis aufgenommen wird, die ihm in der Jugend und in der Politik verwehrt blieben. Eine Alte-Weiße-Männer-WG, natürlich mit Modelleisenbahnkeller, das wär doch was für den Horst. Der Gauland kommt bestimmt auch bald. Und Stoiber muss den Flughafen-Transrapid ansagen.

Über dieses Thema wurde auch in der Sendung "Der Morgen" vom 03.07.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.


Hintergrund:

tagesschau.de
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