Glosse: "Klare Kante"

"Klare Kante"

Eine Glosse von Erik Heinrich   13.03.2018 | 08:15 Uhr

Egal ob man eine hat oder nicht, man zeigt sie heute auf alle Fälle, die "klare Kante". Das Modewort wirkt kernig und griffig – und erklingt heute deswegen überall - in der Talkrunde, bei der Berlinale, in der türkischen Opposition bis in die SPD-Ortsgruppe. SR 2-Kolumnist Erik Heinrich ist das allmählich ein bisschen zuviel. Eine Glosse.

Neuerdings wachsen in unserem schönen Land überall klare Kanten. Harte Zeiten scheinen das zu sein, die behufs Schärfung des Profils das Zeigen einer klaren Kante erfordern. Egal ob man eine hat oder nicht, man zeigt sie auf alle Fälle, die klare Kante.

Die türkische Opposition verlangt von Merkel klare Kante in Sachen Erdowahn, Seehofer zeigt kK gegen kriminelle Abzuschiebende, Berlinale-Chef Kosslik fordert im Rahmen von "#metoo" kK gegen übergriffige Filmmänner, der HSV-Veteran Jarolin ruft nach kK im Abstiegskampf, die EU soll klare Kante zeigen im Handelskonflikt mit Trump, dessen schärfste Kante bekanntlich sein Lächeln ist, das Lächeln eines Jack Nickolson in "Shining". Und alle, vom Heimatverein bis zum Bischof zeigen Kante, und zwar klare, gegen Rechts.

Klare Kante ist Sprachvolkstum geworden. Es gibt einen "Käpt'n klare Kante" im Norden und eine Werbeagentur dieses Namens im Süden. Klare Kante klingt kantig, kernig, griffig, dabei – und das ist das schöne an diesem Idiom, das bei Maybritt und Anne echot und widerhallt bis in die lausigste SPD-Ortsgruppe – dabei bleibt alles unklar, oder klar wie Kloßbrühe.

Die Zeitläufte sehnen sich nach klarer Kante, so wie sie vor ein paar Jahren gerne "am Ende des Tages" hörten, oder, noch länger her, "ein Stück weit" aufkam im links-alternativen Milieu und Sozialarbeiter-Jargon, dann durch alle Schichten und Parteien mäanderte und schließlich im Wortschatz der Kanzlerin ankam. Soweit man da von Schatz sprechen mag. Damals aber schon sagte Franz Müntefering, der Visionär: "Besser klare Kante als volle Hose!"

Womit fast alles gesagt wäre. Außer vielleicht, und darauf warte ich nur, dass ein Gauland oder eine von Storch, die sich ja gerne aus dem zeitgeistiggenehmen Mustopf der Verquasungsirrungen bedienen, so etwas äußert wie: "Am Ende des Tages muss man ein Stückweit klare Kante zeigen und die Leute da abholen, wo sie sind." Wo sie die abgeholten Leute dann hinbringen – das ist eine andere Frage.

Über dieses Thema wurde in der Sendung "Der Morgen" vom 13.03.2018 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

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