Probleme sind Wirtschaftlichkeit und Auflagen

Peter Weitzmann / Onlinefassung: Axel Wagner   08.08.2019 | 19:34 Uhr

Dürren, Hitzewellen, Wasser- und Nahrungsmangel: In seinem neuen Sonderbericht zum Klimawandel zeichnet der Weltklimarat IPCC ein düsteres Zukunftsbild und fordert eine dringende Kehrtwende bei der Landnutzung.

Für Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, ist das keine Überraschung. Krüsten sagte dem SR, der Bericht zeige die tatsächlichen globalen Herausforderungen auf: Landverluste, den Schutz landwirtschaftlicher Nutzfläche, nachhaltige Bewirtschaftung und den Kohlenstoff-Haushalt der Böden. Das seien Dinge, „die wir ohnehin schon auf der Agenda haben“.

Deutsche Politik sieht Probleme nicht

Kein Verständnis zeigte Krüsken für die deutsche Politik, wo immer nur über die Europäische Agrarpolitik und Fleischverzehr diskutiert werde. Das komme in der Zusammenfassung des Berichtes gar nicht vor. Vielmehr gehe es um den Schutz vor Wüstenbildung, um den Druck auf die Fläche aufgrund einer wachsenden Weltbevölkerung und um die Vermeidung von Lebensmittelverlusten. „Wir haben hier weltweit 25 bis 30 Prozent Lebensmittelverluste, das sind acht bis zehn Prozent der globalen Treibhausgasemissionen.“

In der deutschen Landwirtschaft gebe es allerdings kaum Verluste, so Krüsken, die Ernten würden immer verwertet. Als Beispiel nennt er Obst. „Wenn eine Überschussernte bei Äpfeln da ist, dann geht die Überschussmenge, die wir nicht im Handel loswerden können, in den Saft. Es gibt viele landwirtschaftliche Rohstoffe, die dann parallel auch in die Tierernährung gehen, in die Fütterung, Koppelprodukte, sogenannte absolute Futtermittel.“

Die Lebensmittelverluste sieht Krüsken vor allem in Entwicklungsländern. Dort gebe es keine guten Lagerbedingungen und keine passende Logistik für die Ernte. In Deutschland dagegen gebe es kaum Handlungsbedarf. Im Gegenteil: „Wenn wir jetzt uns beispielsweise aus dem Pflanzenschutz verabschieden, dann werden die Lebensmittelverluste wieder zunehmen.“ Denn dann, warnt Krüsken, werde der Schädlingsbefall zunehmen.

Zu starke Vereinfachung

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hatte als Reaktion auf den IPCC-Bericht eine nachhaltige Landwirtschaft in Deutschland gefordert, die ohne Sojaimporte für die Nutztierhaltung auskommen soll – für Krüsken eine zu starke Vereinfachung. „Wir arbeiten daran, ohne Soja auszukommen. Bei den Wiederkäuern sind wir schon soweit.“ Hier entstehe aber ein Bild, nach dem Tierhaltung in Deutschland nur vom Soja abhänge. „Das sind weniger als drei Prozent unseres Futtermittelbedarfs“, sagt Krüsken. „Das Problem werden wir noch lösen.“

Die eigentliche Herausforderung sei der Schutz landwirtschaftlicher Flächen. Auch in Deutschland müsse man den Druck von der Fläche nehmen. „Wir haben nicht das Problem mit Erosion und Wüstenbildung, aber wir haben das Problem des Flächenverlustes. Jeden Tag gehen uns 66 Hektar verloren. Das ist nicht nur schlecht für die Landwirtschaft, sondern auch für die Biodiversität. Und wir vernichten hier auch potentiellen Kohlenstoffspeicher.“

Evolution statt Revolution

Kai Niebert, Präsident des Deutschen Naturschutzrings, hatte mit Blick auf den IPCC-Bericht eine „Revolution der Gemeinsamen Agrarpolitik“ der Europäischen Union gefordert. „Er rennt ein Stück weit offene Türen ein“, sagt Bernhard Krüsken vom Bauernverband dazu. Er selbst sieht die Sache jedoch weniger dramatisch. „Agrarpolitik hat sich immer verändert, und wir sind ja jetzt schon in der Situation, dass wir über die Hälfte der europäischen Zahlungen aus der ersten und zweiten Säule der Agrarpolitik in Verwendungen haben, die sich zusammenfassen lassen mit ländlicher Entwicklung, Agrar-Umweltprogrammen, im weitesten Sinne auch Klimaschutz, Biodiversität und so weiter.“ Die klassische Direktzahlung, die Flächenprämie, mache nur noch etwas mehr als 40 Prozent aus.

Prämie nicht schuld an größeren Betrieben

Die Sichtweise, wonach die Prämien der EU zu immer größeren Betrieben führen, hält Krüsken für nicht zutreffend. „Es ist schlichtweg falsch, weil natürlich die Regelungen für Ausgleichsflächen, Screening und Agrar-Umweltmaßnahmen für kleine und große Betriebe gleich sind. Wir haben ja in Deutschland sozusagen das Prinzip Umschichtung auf die ersten Hektare, das läuft schon.“

Strukturwandel, so Krüsken, sei in der Landwirtschaft ein großes Problem, aber so zu tun, als läge das an der Agrarpolitik, das greife ein bisschen kurz, weil die Grundzüge der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) eine Facette seien. „Was den Strukturwandel wirklich antreibt, das sind zunehmende Auflagen. Kleine Betriebe steigen aus, weil sie Investitionen, die vorgegeben werden, nicht mehr stemmen können. Eine Betriebsaufgabe ist immer eine wirtschaftliche Entscheidung.“ Diese sei auch geprägt vom starken Preisdruck, so Krüsken, den man natürlich nur über Wachstum auffangen könne. „Und insofern finde ich es auch ein Stück weit unehrlich zu behaupten, die Agrarpolitik sei der Treiber für den Strukturwandel. Es sind viele Faktoren, und die beiden wichtigsten sind die Wirtschaftlichkeit, die Ökonomie, der Preisdruck und die Auflagen.“

Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Abend" vom 08.08.2019 auf SR 2 KulturRadio.

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