Dr. Matthias Dembinksi (Foto: Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung / Pressefoto / SR)

"Wir leben durch diesen Schritt in einer vollkommen anderen Zeit"

  24.02.2022 | 17:48 Uhr

Dr. Matthias Dembinksi ist Senior Researcher bei der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Im Gespräch mit SR 2-Moderator Peter Weitzmann gibt Dembinski Einschätzungen zu den möglichen Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine.

Aus Sicht von Matthias Dembinksi, Senior Researcher bei der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, haben westliche Beobachter – auch er selbst – den teilweisen Truppenabzug aus der Ukraine vor einer Woche fälschlicherweise als Zeichen der Entspannung interpretiert. Man müsse davon ausgehen, dass der russische Präsident Wladimir Putin den Krieg von langer Hand geplant habe.

Mit dem Wissen von heute müsse man sagen, dass der Kreml schon im Dezember bewusst Maximalforderungen formuliert habe, so Dembinski – im Wissen, dass der Westen diese ablehnen würde und damit aus Sicht Russlands eine vermeintliche Rechtfertigung für den militärischen Angriff gegeben sei.

Große historische Bedeutung

Dembinski argumentiert, dass der russische Angriff auf die Ukraine das geopolitische Kräftegleichgewicht verschieben wird – möglicherweise für Jahrzehnte. "Dieses Ereignis geht in der historischen Bedeutung weit über 09/11 hinaus", so Dembinski im SR 2-Interview. Der Forscher erwartet, dass die nächsten Jahrzehnte von einer dauerhaften Konfrontation mit Russland gekennzeichnet sein werden.

In diesem Zusammenhang erwartet Dembinski, dass auch die USA ihre außenpolitischen Prioritäten wieder neu justieren werden. Präsident Biden habe bei seinem Amtseintritt klar gemacht, dass der Konflikt mit China im Zentrum der amerikanischen Außenpolitik stehen werde, so Dembinski. Das werde sich vermutlich wieder verschieben.

Fokus auf humanitäre Hilfe für die Ukraine

Mit Blick auf die Frage, was NATO und EU nun tun können, sind die Verstärkung der Militärpräsenz in Osteuropa und die angekündigten Sanktionen nach Einschätzung von Dembinski wichtige und richtige Schritte.

Allerdings könnten gerade die Sanktionen erst mittelfristig überhaupt Wirkung zeigen – weshalb die humanitäre Hilfe für die Menschen in der Ukraine nun im Zentrum der Anstrengungen stehen müsse. Dembinski rechnet damit, dass die Lage noch dramatischer wird.

Deshalb müssten sich die EU – und der Westen im Allgemeinen – um die wirtschaftliche Stabilisierung des Landes bemühen. Und sich darüber hinaus darauf vorbereiten, Menschen aufzunehmen, die nun aus der Ukraine fliehen könnten.

„Wir leben durch diesen Schritt in einer vollkommen anderen Zeit.“
Audio [SR 2, (c) SR 2, 24.02.2022, Länge: 04:46 Min.]
„Wir leben durch diesen Schritt in einer vollkommen anderen Zeit.“

Über dieses Thema hat auch die SR 2-"Bilanz am Abend" am 24.02.2022 auf SR 2 KulturRadio berichtet.

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