Doris Pack (Foto: SR / Janek Böffel)

„Es passiert vor unserer Haustür“

Interview der Woche mit Doris Pack

Janek Böffel / Doris Pack   14.01.2023 | 10:04 Uhr

Die Lage auf dem Westbalkan insgesamt ist nicht nur angespannt, sondern auch höchst komplex. Im Interview der Woche sprach Janek Böffel mit der vielleicht profundesten Kennerinnen der Region, Doris Pack über die Lage im Kosovo und auch über Versäumnisse der EU in der Region.

Von 1989 bis 2014 saß Doris Pack für die CDU im Europaparlament. Neben der Bildungspolitik lag ihr Fokus dort vor allem auf den Staaten des Balkans, sie war ständige Berichterstatterin des EU-Parlaments für Bosnien-Herzegowina. Noch immer wird sie gefragt, wenn es um Einschätzungen der Lage in der Region geht.

„Es passiert vor unserer Haustür“
Audio [SR 2, Janek Böffel / Doris Pack, 14.01.2023, Länge: 15:46 Min.]
„Es passiert vor unserer Haustür“

Pack warnt die EU vor Desinteresse

Aktuell ist die Lage wieder angespannt, das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Serbien und dem Kosovo bietet reichlich Eskalationspotenzial. Im SR2 Interview der Woche fordert Pack, dass sich die EU mehr engagieren und auch Druck aufbauen müsse. Doch in der Vergangenheit seien auch Fehler passiert.

Angesichts der angespannten Lage an der Grenze zwischen Serbien und dem Kosovo warnt Pack vor Desinteresse der EU: „Es passiert vor unserer Haustür und wenn wir nicht aufpassen, kann es zu ganz großen Schwierigkeiten kommen.“ Deshalb brauche es Druck auf den serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić von Seiten der EU.

Vučić gehe es ums Territorium

Dessen Sorge um die Lage der serbischen Minderheit im Kosovo hält Pack für vorgeschoben, Vučić gehe es um das Territorium, nicht die Menschen. Vučić stehe damit in einer Linie mit dem mittlerweile verstorbenen Ex-Präsidenten Slobodan Milošević.

Die EU müsse reagieren, im Zweifelsfall auch die Mittel kürzen, die an Serbien fließen. „Bei vielen ist es so: wenn das Geld nicht kommt, sind sie eher geneigt, auch einen Schritt zurückzutreten.“ Dabei sei es im ureigenen Interesse der EU zu handeln und eine weitere Eskalation des Konfliktes zu verhindern.

Keine abgestimmte Strategie der EU

Die EU und Deutschland hätten zu lange weggeschaut, so Pack und auch Fehler begangen: „Man hat nicht richtig hingeschaut und geholfen, die Probleme zu lösen.“ Trotz der großen geografischen Nähe sei die Region zu lange ignoriert worden. Das falle nun auf die Füße, nicht nur rund um den Kosovo, sondern auch in Bosnien-Herzegowina.

Es habe an einer abgestimmten Strategie gefehlt. „Wir haben alle Balkanstaaten laufen lassen, haben gedacht, die Slowenen haben es geschafft, die Kroaten haben es geschafft, die anderen werden es auch schaffen.“ Das sei jedoch ein Trugschluss gewesen.

Handeslbeziehungen entscheidend

Mittlerweile seien zwar alle Staaten bis auf den Kosovo – den fünf EU-Staaten noch nicht offiziell anerkannt haben – EU-Beitrittskandidaten, doch die Beitrittsprozesse verlaufen nur schleppend. Statt des bisherigen Vorgehens müsse auch hier eine andere Vorgehensweise gewählt werden, so Pack.

Entscheidend seien die Handelsbeziehungen. Wenn die Vorteile einer engen Anbindung an die EU auch für die Menschen vor Ort spürbar würden, wäre die Nähe viel größer: „Dann erfährt der Bürger, das läuft ja. So hat der Bürger gar nix davon.“

Das Foto ganz oben zeigt Doris Pack. (Bildquelle: SR / Janek Böffel)

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