Sebastian Klein, Landessprecher des THW Saarland (Foto: SR)

„Viele leben in einer Rundum-sorglos-Mentalität“

Interview der Woche mit Sebastian Klein, THW Saar

Janek Böffel / Sebastian Klein   24.12.2022 | 13:22 Uhr

Bilanz des Jahres 2022: Der Krieg gegen die Ukraine, der Wiederaufbau nach den Verwüstungen im Ahrtal, der Katastrophenschutz und die Blackout-Vorsorge waren Themen im Interview der Woche mit Sebastian Klein, dem Landessprecher des THW im Saarland.

Das einschneidendste Erlebnis für den Bevölkerungs- und Katastrophenschutz war, so der Landessprecher des THW Saar, Sebastian Klein, der Angriffskrieg Russlands  gegen die Ukraine. Das bleibe auch weiterhin akut. Klein spricht etwa von Hilfskonvois, die durch ehrenamtliche Kräfte des THW an die polnisch-ukrainische und an die rumänisch-ukrainische Grenze werden.

„Viele leben in einer Rundum-sorglos-Mentalität“
Audio [SR 2, Janek Böffel / Sebastian Klein, 24.12.2022, Länge: 15:43 Min.]
„Viele leben in einer Rundum-sorglos-Mentalität“

Pläne für den Wiederaufbau der Ukraine

Der THW bringt, im Auftrag des Auswärtigen Amtes, Baumaterialien, Großgeneratoren, Baumaschinen, also alles, was der ukrainische Katastrophenschutz benötigt, von einem zentralen Umschlagpunkt, dem Logistikzentrum des THW in Ulm nach Polen oder Rumänien. „Diese Transporte werden so gut es geht vorgeplant, dann mit ehrenamtlichen Kräften, auch aus dem Saarland, besetzt.“

Noch sei das alles händelbar. Niemand wisse aber, wie es weitergehe. Und dann käme ja auch der Wiederaufbau. „Wir sind momentan auf Bundesebene schon gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt und mit dem ukrainischen Katastrophenschutz in Planungsgesprächen für die Wiederaufbauhilfe ähnlich wie es nach dem Balkankonflikt der Fall war."

Warnversagen im Ahrtal

Es habe auch eine Reihe von lokale Unwetterereignissen gegeben, etwa die Windhose in Marpingen. Klein fasst das als „Alltagseinsätze zur Unterstützung von Feuerwehren, Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben im Rahmen der örtlichen Gefahren“ zusammen.

Was im Ahrtal, im Herzen Deutschlands, passiert sei, sei eine Katastrophe biblischen Ausmaßes gewesen. Damals habe es ein Versagen von „Warnmöglichkeiten für die Bevölkerung“ gegeben. So etwa wie der Warntag sei jetzt ein richtiger Schritt. Es müsse aber weiter investiert werden, auch im Saarland.

In bessere Warntechnik investieren

Sebastian klein spricht allerdings von einer „Katastrophen-Demenz“. Das sei am Beispiel des Elbhochwasser zu erkennen gewesen. Damals habe man schon davon geredet, dass massiv in Warntechnik investiert werden müsse. Passiert sei seitdem wenig.

Im Ahrtal hätte ein Großteil der zu Tode gekommenen Menschen rechtzeitig  in Sicherheit gebracht werden können, wäre richtig gewarnt worden. „Das hat die Politik erkannt, das hat auch der Bevölkerungs- und der Katastrophenschutz erkannt.“ Es müsse nur bald etwas passieren.

Neue Fahrzeuge, neue Großgeräte

Nach dem Mauerfall habe man in Deutschland den Zivilschutz ausbluten lassen. Warneinrichtungen seien entweder nicht mehr gewartet oder abgebaut worden. Sie seien nicht mehr als notwendig erachtet worden. Da habe die Bundespolitik nun Weichen gestellt, auch mit den Haushalten für den THW für 2024 und 2025.

Aus dem Corona-Konjunkturprogramm der Bundesregierung in den vergangenen beiden Jahren habe auch das THW im Saarland profitiert. „Unser Fuhrpark hat sich gewandelt, hat sich erneuert. Wir haben neue Fahrzeuge, wir haben neue Großgeräte im Saarland positioniert bekommen.“ 43 Millionen Euro mehr hat der Bund mehr nun vorgesehen für den THW. Auf 16 Bundesländer verteilt, ist das eine überschaubare Summe. Das könne nur ein erster Schritt sein.

Auch die THW-Jugend ist sehr aktiv

Denn: „Die Unwetterereignisse werden zunehmen. Das sagt das Klimaforschungsinstitut, das sagen alle, die in diesem Metier unterwegs sind.“ Da gelte es, den meist ehrenamtlichen Einsatzkräften die passenden Materialien, die passenden Gerätschaften, die passenden Werkzeuge ehrenamtlichen Einsatzkräften an die Hand zu geben.

Das THW im Saarland hat insgesamt 2400 ehrenamtliche Kräfte in 24 Ortsverbänden verteilt. „Nirgendwo ist die Dichte so hoch wie bei uns im Land.“ Auch die Jugend sei sehr aktiv. Mit 600 Jugendlichen könne der THW im Saarland dem demografischen Wandel entgegenwirken.

Attraktiver durch Vergünstigungen

Zudem gebe es seit Jahren Überlegungen, die umgesetzt werden müssten. Etwa Rentenpunkte für Ehrenamtliche, Vergünstigungen im Versicherungsbereich oder für Kultur- und Sportstätten. „Da gibt es in dem einen oder anderen Landkreis im Saarland schon Ideen und nach umgesetzte Maßnahmen. Aber wir müssen noch attraktiver werden.“

Im Bezug auf einen möglichen Blackout sieht Sebastian Klein eine Vollkasko-Mentalität in der deutschen Bevölkerung. Jeder müsse sich bewusst sein, der Staat nicht alle auffangen könne, wenn es zu einem Blackout oder einer Gasmangellage komme.

Jeder soll Eigenvorsorge betreiben

Jeder solle ein gewisses Maß an Trinkwasser und Dosennahrung zu Hause haben, um sich bis zu fünf Tage lang selbst versorgen zu können, solange, bis der Schutzschirm des Katastrophen- und Bevölkerungsschutzes aufgebaut und etabliert sei. Das sehe er so als Privatmann.

“Mit der Brille des THW-Helfers sage ich ganz deutlich, sind wir gut vorbereitet. Wir sind momentan auf Landesebene mit allen Ortsverbänden in Gesprächen mit den Kommunen, mit den Landkreisen.“ Es würden Kommunikationswege aktualisiert, Vorsorge- und Vorplanungen durchgeführt, auch mit Energieversorgern, auch mit anderen Organisationen. Dennoch sei ein gewisses Maß an Eigenvorsorge notwendig, „um im wahrsten Sinn des Mordes nicht im Dunkeln zu stehen.“

Das Foto ganz oben zeigt Sebastian Klein. (Bildquelle: SR)

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