Der Wissenschaftler Prof. Dr. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker ("Club of Rome") (Foto: dpa / picture alliance / Britta Pedersen)

Nachhaltigkeit, Wohlstand und Frieden endlich zusammen denken

Dagmar Scholle   19.09.2022 | 16:37 Uhr

Am 17. September war einer der 100 einflussreichsten Denker der Welt, so die Einschätzung des Zürcher Gottlieb Duttweiler Instituts 2013, in Saarbrücken zu Gast: der Umweltwissenschaftler und Nachhaltigkeitspionier Professor Ernst-Ulrich von Weizsäcker. Er sprach unter dem Titel "Nord-Süd-Freundschaft statt grimmiger Konflikt".

Geboren wurde Ernst-Ulrich von Weizsäcker 1939, also in dem Jahr, als der zweite Weltkrieg ausbrach. Er gilt als Umweltwissenschaftler par excellence, ist Physiker und Biologe, seit dreißig Jahren Mitglied des Club of Rome, langjähriges Mitglied des Bundestages und Gründungspräsident des Wuppertal Instituts, einer renommierten Denkfabrik für Nachhaltigkeitsforschung. Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

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Ernst-Ulrich von Weizsäcker: Nachhaltigkeit, Wohlstand und Frieden endlich zusammen denken
Audio [SR 2, Dagmar Scholle, 19.09.2022, Länge: 03:46 Min.]
Ernst-Ulrich von Weizsäcker: Nachhaltigkeit, Wohlstand und Frieden endlich zusammen denken

"Die Erde ausräubern ist populärer"

Ernst-Ulrich von Weizsäcker, mittlerweile 83 Jahre alt, geht es immer ums große Ganze. Darum, Nachhaltigkeit, Wohlstand und Frieden endlich zusammen zu denken, und: Themen global anzupacken. So wie der Club of Rome schon vor 50 Jahren. Damals erschien das Buch „Grenzen des Wachstums“. 2,5 Milliarden Menschen lebten seinerzeit auf der Erde, jetzt fast acht Milliarden. Das es Grenzen des Wachstums geben müsse werde einfach ignoriert, sagt von Weizsäcker, „weil es so wahnsinnig populär ist, noch mehr auszuräubern!“

Mechanismen und Folgen dieses „Ausräuberns“ des Planeten sind vielfältig und bestens dokumentiert. Spürbar sind Klimawandel und Artensterben, ungleiche Lebensbedingungen, Abhängigkeiten, Kriege. Von Weizsäcker sagt: „Es geht auch anders. Wir brauchen eine Entkoppelung von Wachstum und Klimaschädigung. Das ist möglich.“

Nachhaltige Entwicklungsziele, aber...

2015 schien es so, als hätte die Weltgemeinschaft verstanden: das Jahr des Pariser Klimagipfels. Das Jahr auch, in dem einstimmig, von allen Mitgliedsstaaten der UNO, die Agenda 2030 verabschiedet wurde. Eine Art positive Weltverfassung; 17 gemeinsam formulierte nachhaltige Entwicklungsziele. „Aber ist die Agenda 2030 nachhaltig? Nein! Die ersten 11 Ziele sind aggressive Wachstumsimperative.“

Tatsächlich? Überwindung der Armut, des Hungers, der Krankheiten sind alles doch richtige Ansätze? Ja, sagt von Weizsäcker. „Aber übergeordnet sind die Umweltziele - als Basis für alles weitere.“

Zähmung der Marktwirtschaft

Von Weizsäcker kommt im weiten Boden auf die Überschrift seines Vortrags, Nord-Süd-Freundschaft statt grimmiger Konflikt, zurück: Indem er die Effizienz der Marktwirtschaft lobt, aber ihre Zähmung fordert, ihre Aushandlung auf Augenhöhe und zum Wohle aller Beteiligten.

Der Umweltwissenschaftler nennt Beispiele, eines davon: die Energie. Dürfe jeder Mensch auf der Welt dieselbe Menge Energie verbrauchen, hätten die Deutschen ihre längst verfrühstückt. Könnten die Länder des Südens nun sauber erzeugte Energie gewinnbringender verkaufen als fossile, dann würden Klima und Freundschaft, im besten Falle, profitieren, meint von Weizsäcker.

Klimastreik am 23. September

Die Veranstaltung kam auf Einladung des Netzwerks Entwicklungspolitik Saar (NES), in Kooperation mit Oikocredit Westdeutscher Förderkreis und der saarländischen Fairtrade-Initiative zustande. Rund 80 Menschen kamen ins Evangelischen Gemeindezentrum St. Johann, um zuzuhören und mit zu diskutieren.

Am Freitag, dem 23. September ist wieder viel los in Sachen Kritik und Einfordern von Klimazielen. Für diesen Tag hat die Fridays-for-Future-Bewegung zum globalen Klimastreik aufgerufen, auch in Saarbrücken.

Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 19.09.2022 auf SR 2 KulturRadio. Das Foto ganz oben zeigt Ernst-Ulrich von Weizsäcker. (Bildquelle: dpa / picture alliance / Britta Pedersen)

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