Landwirtschaft (Foto: SR)

"Das Höfesterben muss gestoppt werden!"

Ein Gespräch mit Annemarie Volling, Gentechnik-Expertin der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, über Wege aus der Nahrungsmittelkrise

Jochen Erdmenger. Onlinefassung: Rick Reitler   29.04.2022 | 07:15 Uhr

Annemarie Volling, Gentechnik-Expertin bei der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, hat im SR-Interview ein radikales Umdenken in der Agrarpolitik gefordert: "Wir brauchen wieder eine Kreislauflandwirtschaft, eine europäische Landwirtschaft, regionale und saisonale Lebensmittel".

Seit Wochen sind Grundnahrungsmittel wie Mehl oder Sonnenblumenöl in vielen Supermärkten Deutschlands Mangelware. Weltweit knapp könnte es wegen der Abhängigkeit von ukrainischen oder russischen Lieferungen wohl auch beim Saatgut werden.

"Ein strukturelles Problem"

Für Annemarie Volling, Gentechnik-Expertin der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, ist Hunger allerdings nicht erst seit gestern "ein strukturelles Problem", das folgerichtig auch "strukturell angegangen" werden müsse.

Dringenden Nachholbedarf sieht Volling vor allem bei der weltweiten Verteilung: In manchen Regionen der Welt kämen beispielsweise wegen Lager- und Transportverlusten nicht genügend Nahrungsmittel an, während Essen anderswo sogar vernichtet werde. "Das Recht auf Nahrungs- und Ernährungssouveränität muss für alle umgesetzt werden", forderte sie im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Erdmenger.


Im Interview: Annemarie Volling
Audio [SR 2, Jochen Erdmenger, 29.04.2022, Länge: 06:18 Min.]
Im Interview: Annemarie Volling


Abhängigkeiten verändern

Die durch die internationalen Import/Export-Verflechtungen entstandenen Abhängigkeiten müssten sich ändern: "Wir brauchen wieder eine Kreislauflandwirtschaft, eine europäische Landwirtschaft, regionale und saisonale Lebensmittel", mahnte Volling, "wir brauchen einen klimaschonenden Anbau, Ackerbau - aber auch die Tierhaltung muss artgerecht umgebaut werden". Entsprechende Reformen bedürfe es auch beim Thema Agrarsubventionen. Das damit einhergehende Höfesterben müsse ebenso gestoppt werden wie das zu sorglose Konsumverhalten der Verbraucherinnen und Verbraucher.

Gegen gentechnisch verändertes Saatgut

Gentechnisch verändertes Saatgut sehe sie keineswegs als Lösung an - es müsse vielmehr "lokal angepasst, nachbaufähig und ohne Patente" an die Menschen auf dem Land geliefert werden. Ertragssteigerungen seien auch "sehr gut" mit "konventioneller Züchtung" zu erreichen. Die Möglichkeit großer Konzerne, Tiere oder Pflanzen zu patentieren, müsse gestoppt werden.


Der andere Blickwinkel:

Prof. Matin Qaim vom Bonner Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF)
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Prof. Matin Qaim vom Bonner Zentrum für Entwicklungsforschung sieht gentechnisch verändertes Saatgut durchaus als einen "wichtigen Teil der Lösung" für die internationale Nahrungsmittelkrise. Im Markt müsse allerdings Forschung und Wettbewerb auch für kleinere Entwickler möglich sein.


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