Ankunft urkainischer Flüchtlinge im saarländischen Homburg (Foto: SR/Steffani Balle)

"Ein Wachmoment, der deutlich zu spät kam"

Ein Gespräch mit dem Historiker Dr. Alexander Friedman, Universität des Saarlandes, zum Ukraine-Krieg

Jochen Erdmenger. Onlinefassung: Rick Reitler   10.03.2022 | 07:25 Uhr

Der Saarbrücker Historiker Dr. Alexander Friedman hat die deutsche Russland-Politik kritisiert: Man habe die Gefahr durch Putin zu lange unterschätzt - und mit dem Angriff auf die Ukraine nun "deutlich zu spät" einen "Wachmoment" erlebt. Ein Interview.

Während die Hilfsbereitschaft gegenüber der ukrainischen Bevölkerung in Deutschland enorm hoch ist, sinkt das Ansehen Russlands rapide ab. Auch im Kulturbereich werden immer wieder Stimmen nach einem totalen Boykott Russlands laut.

"Hoffnungen sehr bescheiden"

Der in Belarus aufgewachsene Historiker und Osteuropa-Experte Dr. Alexander Friedman von der Universität des Saarlandes hofft auf eine Lösung auf diplomatischem Wege: "Wenn wir am Ende des Tages vielleicht die Einstellung der Kampfhandlungen haben, das wäre ein Riesenerfolg", sagte Friedman im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Erdmenger. Denn Putin sei "nach wie vor nicht bereit, den Selensky zu treffen". Zumindest ein "bisschen Hoffnung" machten ihm die Nachrichten, dass der Krieg aus russischer Sicht nicht so laufe wie erwartet.

Zu spät wach geworden

Andererseits sei es "bedauerlich", dass viele Menschen aus Solidarität nun alles Russische ablehnten. "Das sind alles traurige Entwicklungen, aber ich befürchte, dass ist nun unsere Realität, mit der wir auf Dauer leben müssen", so Friedman. Die deutsche Politik habe die Gefahr durch Putin zu lange unterschätzt - und habe mit dem Angriff auf die Ukraine nun "deutlich zu spät" einen "Wachmoment" erlebt.

Bei den Menschen in der Ukraine werde die breite Unterstützung vor allem westlicher Länder zwar "positiv gewertet", aber angesichts der Bombardierungen als "nicht genug" wahrgenommen, sagte Friedman.


Im Interview: Dr. Alexander Friedman
Audio [SR 2, Jochen Erdmenger, 10.03.2022, Länge: 06:48 Min.]
Im Interview: Dr. Alexander Friedman


Die andere Perspektive:

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Ein Plädoyer gegen den "pauschalen Kulturboykott"
Kathrin Röggla, die Vizepräsidentin der Akademie der Künste in Berlin, hat sich gegen die "irrwitzige Debatte" eines pauschalen Kulturboykotts Russlands ausgesprochen. Im SR-Interview warnte sie davor, von russischen Künstlerinnen und Künstlern ein "Sich-Distanzieren von Putin" zu verlangen.


Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 10.03.2022 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt ukrainische Flüchtlinge bei ihrer Ankunft im saarländischen Homburg (Foto: Steffani Balle).

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