Grafik - Corona-Virus und Frau mit Maske (Foto: pixabay/Tumica)

"Wir müssen eine Teilimmunität in der Bevölkerung haben"

Ein Gespräch mit dem Medizinjournalisten Dr. Christoph Specht

Jochen Marmit. Onlinefassung: Rick Reitler   23.11.2021 | 07:45 Uhr

Der Medizinjournalist Dr. Christoph Specht hat im SR-Interview mehr Ehrlichkeit bezüglich der Wirksamkeit der Corona-Maßnahmen, inbesondere der Impfung gefordert. Die Pandemie sei viel weniger kontrollierbar "als uns das recht ist", so Specht. Wichtig sei, dass "jeder eine bestimmte Teilimmunität" erreiche.

In einigen Bundesländern gelten seit dem 22. November wieder deutlich strengere Corona-Maßnahmen. Auch Kontaktbeschränkungen oder Verbote bzw. Begrenzungen von Veranstaltungen sind wieder möglich.

Impfschutz nicht wie gedacht

Und nach dem Vorpreschen Österreichs wird nun auch in Deutschland kontrovers über eine Impfpflicht diskutiert - obwohl allmählich klar wird, dass Impfstoffe wie etwa das Mittel von Johnson & Johnson in Schutz doch nicht das halten, was Hersteller und Politiker versprochen haben. Das bestätigt auch der Medizinjournalisten Christoph Specht im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Marmit: "In der Tat ist es so, mit einmal Johnson & Johnson geimpft hat man leider gegen Corona nicht viel erreicht". Heute sehe man, dass das Versprechen, mit einer einmaligen Johnson & Johnson-Spritze dauerhaft geschützt zu sein, nicht haltbar sei und empfehle deshalb, lieber "schon nach vier Wochen" zu "boostern".

Ehrlichkeit gefragt

Im Interview: Dr. Christoph Specht
Audio [SR 2, Jochen Marmit, 23.11.2021, Länge: 05:31 Min.]
Im Interview: Dr. Christoph Specht

Dem Denkansatz der "ZeroCovid"- bzw. "NoCovid"-Kampagnen erteilte Specht angesichts "dieser Art von Virus" eine klare Absage. Lediglich ein starkes Zurückdrängen sei theoretisch denkbar, wenn man die Auflagen noch weiter verschärfe. Die damit verbundenen "wesentlich drakonischeren Maßnahmen" aber seien hierzulande kaum durchsetzbar: "Da muss man dann schon tatsächlich nach China gucken", gab Specht zu bedenken. "Wir kommen aber nicht umhin, einzugestehen, dass wir die Pandemie eben viel weniger kontrollieren können als uns das recht ist", betonte Specht. Hier sei "Ehrlichkeit" gefragt.

Für ihn sei klar, dass die Zahlen in diesem Winter noch mehr steigen und auch wieder höhere Inzidenzen in den höheren Altersklassen auftreten würden. "Die sind, wie wir wissen, auch wieder mit einer höheren Todesrate verbunden - ich hoffe, nicht mehr mit der, wie wir's im letzten Winter hatten", so Specht.

Auf und ab der Zahlen "üblich"

Inwiefern die verschiedenen Maßnahmen in allen möglichen Ländern überhaupt wirklich geholfen hätten, die Zahlen zu senken, sei fraglich: "Die hohen Zahlen sind quasi Voraussetzung dafür, dass die Zahlen danach auch wieder niedrig sind", stellte Specht klar, "das sind übliche Pandemieverläufe".

Teilimmunität anstreben

Heute wisse man, dass es im Kampf gegen das SARS-Cov-2-Virus darum gehe, dass "jeder eine bestimmte Teilimmunität" erreiche - ob nun über eine "gefährliche" Infektion oder über Impfung, sei dem Virus "völlig wurscht".

Impfpflicht würde nichts ändern

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Bei dem Wort "Impfpflicht" zucke er immer zusammen, sagte Specht. Eine solche Pflicht "für bestimmte Berufsgruppen" - beispielsweise in Krankenhäusern oder Pflegeheimen - halte er zwar für "fair", bei der allgemeinen Impfpflicht sei er "nicht so sicher". Denn selbst wenn ab morgen eine allgemeine Impfpflicht für die aktuelle Pandemiesituation gelten würde, würde es ja eine gewisse Zeitspanne dauern, bis alles umgesetzt sei und alle Menschen geimpft wären: "Bis das alles wirkt, haben wir diesen ersten Schwung hoffentlich schon wieder hinter uns". Man solle sich "nicht einbilden, dass man mit dieser Maßnahme jetzt aktuell etwas ändern würde", empfahl Specht.


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 23.11.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt eine Frau mit Mundschutz (Foto: pixabay/Tumica).

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