Beschäftigte streiken vor Homburger Uniklinik (Foto: SR)

"Wir stehen vor den Scherben einer langjährigen Entwicklung"

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Stefan Sell, Experte für Sozialpolitik an der Hochschule Koblenz, über die Situation in der Pflegebranche

Katrin Aue. Onlinefassung: Rick Reitler   17.11.2021 | 12:50 Uhr

Prof. Dr. Stefan Sell, Experte für Sozialpolitik an der Hochschule Koblenz, hat im SR-Interview kaum ein gutes Haar an der deutschen Gesundheitspolitik gelassen. Die Reform des Jahres 2004 sei zwar gut gemeint gewesen, habe sich aber schon vor Jahren als "Schuss ins Knie" erwiesen". Viel passiert sei trotzdem nicht.

Das Pflegepersonal an der Homburger Universitätsklinik war gerade zwei Tage lang zum Streik aufgerufen - wegen Überarbeitung, mäßiger Bezahlung und auch wegen der angespannten Personalsituation. Doch was steckt dahinter?

Die Gesundheitsreform 2004

Im Interview: Prof. Dr. Stefan Sell
Audio [SR 2, Katrin Aue, 17.11.2021, Länge: 06:49 Min.]
Im Interview: Prof. Dr. Stefan Sell

Im Jahr 2004 habe es eine "Systemrevolution" gegeben, um das Gesundheitswesen wirtschaftlicher zu machen, erklärte Prof. Dr. Stefan Sell, Experte für Sozialpolitik an der Hochschule Koblenz, im Gespräch mit SR-Moderatorin Katrin Aue. Seien bis dahin einfach die anfallenden Kosten der Patientenbetreuung refinanziert worden, sei unter Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) ein System auf den Weg gebracht worden, nach der die Krankenkassen nur noch Fallpauschalen an die Kliniken überweisen durften - ganz egal, wieviel Aufwand ein Krankenhaus tatsächlich zu tragen hatte. Dadurch sei die Verweildauer der Patienten deutlich gesunken und die Zahl der Krankenhäuser geschrumpft worden - was auch die Absicht der Reform gewesen sei.

Flucht aus der "Unerträglichkeit"

Letztlich aber habe diese auch dazu geführt, "dass die tatsächlichen Arbeitsbedingungen für das Pflegepersonal sich deutlich verschlechtert" hätten, gab Sell zu bedenken.

In all den Jahren sei "das Maß der Unerträglichkeit" für die Schwestern und Pfleger immer größer geworden, so dass viele gute Kräfte "den Bereich der Pflege verlassen" hätten. Die Zahl der Ärzte und Ärztinnen aber sei unterdessen "kontinuierlich gestiegen".

"Schuss ins Knie"

Was anfangs "gut gemeint" gewesen war, habe sich somit als "Schuss ins eigene Knie" erwiesen, sagte Sell. "Insofern stehen wir jetzt vor den Scherben einer langjährigen Entwicklung". All die "strukturellen Versäumnisse" hätten sich eben "über Jahre angehäuft", resümierte Sell, und aktuell sei es eben "schon ein paar Minuten nach zwölf".

Auch Spahn kam zu spät

Die noch amtierende schwarz-rote Bundesregierung mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) habe erst vor wenigen Jahren auf die lange bekannte Misere reagiert, indem sie die Pflegekosten aus dem Fallpauschalensystem herausgenommen und ein eigenes Budget für die Krankenhäuser beschlossen habe. "Jetzt finden sie aber auf dem Arbeitsmarkt kaum oder in vielen Fällen überhaupt kein Pflegefachpersonal mehr", stellte Sell fest. Außerdem versuchten die Krankenhäuser inzwischen, die Arbeit aus anderen, aus Kostengründen abgebauten Stellen auf das verbliebene Pflegepersonal abzuwälzen.

Weniger getan als gesagt

Wie die Bundesregierungen insgesamt mit den seit Jahren bekannten Schwierigkeiten umgehe, sei für ihn lediglich eine "semantische Problembehandlung", sagte Sell. "Diese Sprüche", nach denen "die Pflegeberufe aufgewertet" werden sollten, habe es auf Regierungsbene schon "vor 10, 15 Jahren" gegeben. Doch die Forderungen seien eben "nicht oder nur in molekularem Umfang" realisiert worden.

Noch immer mangele es an einer höherwertigen Qualifizierung und an Aufstiegsmöglichkeiten für Menschen, die in der Pflege Fuß fassen wollten. "Auch die monetäre Aufwertung der Pflegeberufe ist weit hinter dem zurück geblieben, was wir dringend brauchen", bemängelte Sell.

Corona als "Booster" der Zustände

Corona habe für all die Probleme "gleichsam wie ein Booster gewirkt", erklärte Sell. Er könne sehr gut nachvollziehen, "dass der Druck unterm Kessel jetzt richtig groß ist".

"Altenpflege noch schlimmer"

Die Debatte rund um Personalmangel und -bezahlung werde im Übrigen nicht nur in Kliniken, sondern auch in den Pflegeheimen seit Jahren "intensiv diskutiert". Die "Zustände in der Altenpflege", in der "teilweise 500, 600 Euro weniger" verdient werde und ein noch größerere Personalmangel herrsche als in den Krankenhäusern, seien "noch schlimmer", kritisierte Sell.

Was es seiner Einschätzung nach nun bräuchte, sei "eine Kampagne und eine Verbesserung der Pflegeberufe", damit "ein klares Signal" an die potenziellen Berufsanfängerinnen und -anfänger gesendet würde, schlug Sell vor. Dazu gehöre auch eine Verbesserung der Personalschlüssel.


Hintergrund:

Homburger
Zweitägiger Streik an der Uniklinik
Die Gewerkschaft Verdi hatte die Beschäftigten der Homburger Uniklinik für den 16. und 17. November zum Streik aufgerufen.


Ein Thema u. a. in der Sendung "Bilanz am Mittag" am 17.11.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben ziegt Beschäftigte beim Streik vor Homburger Uniklinik (Foto: SR Fernsehen)

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