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"Jeder reagiert auf eine Infektion anders"

Ein Gespräch mit dem Frankfurter Virologen Dr. Martin Stürmer

Holger Büchner. Onlinefassung: Rick Reitler   16.11.2021 | 08:45 Uhr

Der Virologe Dr. Martin Stürmer hat dazu geraten, den Umgang mit dem Thema "Boostern" je nach Alterszugehörigkeit und "möglicherweise nach Risikogruppen" zu differenzieren. Eine "Immunantwort" und auch die Immunität seien "völlig individuell", so Stürmer im SR-Interview.

"Wir haben das Infektionsgeschehen aktuell nicht unter Kontrolle", sagte Dr. Martin Stürmer, Dozent für Virologie an der Universität Frankfurt und Leiter eines privaten Labors, am Morgen des 16. November im Gespräch mit SR-Moderator Holger Büchner.

Infektionsauswirkungen unklar

Wie sich eine SARS-CoV-2-Infektion auch bei vollständig Geimpften auswirke, sei schwer zu beurteilen, denn sie könne "in verschiedenen Phasen" und "ganz unterschiedlich" verlaufen. "Im Zuge der Impfung" gebe es nun auch "relativ viele" Geimpfte, die sich zwar infizierten, "aber wenig Symptome" zeigten. Überhaupt gebe es auch Menschen, die zwar das Virus in sich trügen, aber keinerlei Symptome bemerkt hätten. "Diese Menschen können aber trotzdem ansteckend sein", warnte Stürmer.

Beim Boostern differenzieren

Im Interview: Dr. Martin Stürmer
Audio [SR 2, Holger Büchner, 16.11.2021, Länge: 05:49 Min.]
Im Interview: Dr. Martin Stürmer

Eine "Immunantwort" sei "ein völlig individuelles Geschehen", betonte Stürmer: "Jeder reagiert auf 'ne Infektion anders". Auch die Immunität sei von Mensch zu Mensch "sehr individuell".

Grundsätzlich wisse man, dass im Alter das Immunsystem schwächer werde und auch der "Schutz einer Impfung" früher nachlasse als "bei jungen, gesunden Menschen", räumte Stürmer ein. Was das Thema Boostern betreffe, empfahl Stürmer deshalb, "nach Altersgruppen" und "möglicherweise nach Risikogruppen" zu differenzieren.

Hohe "Absolutzahl" problematisch

Primär sei wichtig, "das Gesundheitssystem nicht zu überlasten". Am meisten Sorgen bereiteten ihm deshalb jene Fälle von schweren Verläufen, bei denen eben doch ein Krankenhausaufenthalt nötig würde. "Aufgrund der hohen Absolutzahl sehen wir ja, dass es trotzdem geht, die Gesundheitssysteme an ihre Grenzen zu führen", erklärte Stürmer.

Voller Impfschutz bislang nur sechs Monate

Studien hätten gezeigt, dass "das erste halbe Jahr mit den Impfungen sehr sicher" sei. Danach fange das Immunsystem "doch deutlich an, zurück zu gehen oder unter diese Werte zu gehen, ab denen es wieder kritisch wird, sich zu infizieren", sagte Stürmer.

Hoffen auf jährlichen Impfrhythmus

"Wir werden sicherlich Impfschemata entwickeln können, mit wahrscheinlich angepassten Impfstoffen, mit denen wir nicht jedes halbe Jahr unsere Booster-Impfung für Covid brauchen werden", zeigte sich Stürmer hoffnungsvoll, "ich bin der Meinung, dass wir das auf einen jährlichen Rhythmus wahrscheinlich hinbekommen werden". SARS-CoV-2 werde aber wohl zu jenen Viren gehören, die eine Impfung "mit regelmäßigen Auffrischungen" erforderlich machen würden.

Risiko Corona

Insgesamt könne er "nur davor warnen", eine Infektion "auf die leichte Schulter zu nehmen", so Stürmer. Er selbst habe die Krankheit bereits vor anderthalb Jahren durchgemacht und seinen Geschmacks- und Geruchssinn seitdem nicht voll wieder erlangt.


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 16.11.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt eine SARS-CoV-2-Impfung (Foto: SR Fernsehen).

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